Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 7. Oktober 1868
 
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Lieber Freund!

Vergib, we_n ich Dich mit einem kleinen Anliegen in der Ruhe Deines Tusculum’s störe. Dein College Münch-Bellinghausen hat nämlich für das Hans Sachs-Denkmal eine Vorstellung im Burgtheater bewilligt, nur ist sein Wunsch, daß ein literarisches Comité den Namen dazu hergebe. Nun hat Herr Zellner, Redakteur der "Blätter für Musik," bereits

 
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eine Art historisch-literarisches Progra_m zusa_men gestellt. Mit Goethes "Prolog" wird bego_nen, da_n folgt ein Stück von Hans Sachs, hierauf Sachen von Gryphius, sogar Gottsched, Lessing, bis Goethe und Schiller, (Scenen der "Helene" <und> "Damals"), dazu passende Musik, Ouverture der Meistersänger v. R. Wagner etc: für’s Publikum anlocken genug, we_n auch, wie zu vermuten, etwas e_nuyant. Du wirst nun ersucht,

 
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dem Comité, unter dessen Ägide die Vorstellung statt findet, mit Deinem Namen beizutreten – sonst hast Du nichts dabei zu thun – <und> Gott Lob, ich auch nicht, de_n nur wir beide, nebst Zellner, sollen das kleine Comité bilden. Ich bitte sonach um Deine Zusti_mung. –

Ich weiß seit lange nichts mehr von Dir. Ich habe den So_mer in Ischl zugebracht. Und Du? <Und> wa_n sehen wir Dich hier wieder? – Behagen ist hier wenig,

 
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die Zustände werden von Tag zu Tag verworrener. Was sagst Du zu den Czehen [?]? Unser liberales Ministerium, aus lauter Popularitäts-Angst, getraut sich nicht, den Dickschädeln auf die Köpfe zu klopfen! Ich suche diese Notwendigkeit Freund Berger begreiflich zu machen. mit welchem ich ab <und> zu in der "Stadt Frankfurt" speise. –

Auch in Ungarn geht’s drunter <und> drüber, <und> die Räuber, denen man zeitweise [?] kleine Schlachten liefern muß, befinden sich in der "neuen Ara" vortrefflich! Diese deutsche [ergänzt: Heimat] mit lauter wilden Indianern, die man nicht zu zähmen versteht, ist doch ein wahres Unglück! –

Freundlichste Grüße! Dein Zusti_mung erwartend

<Dein>
Bauernfeld.

Wien 7/X 68.

 
     
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