Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 8. Dezember 1859
 
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Lieber Freund!

Was die Porto-[unleserlich] für die Schiller-Stiftung betrifft, so ist bereits die Eingabe von hier an die Regierung gemacht worden; die übrigen öster. Filialen brauchen daher in dieser Sache keine weiteren Schritte zu machen. Erfolgt die Bewilligung, wie man erwartet, so gilt das natürlich

 
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für ganz Österreich u. wird sogleich allen Filialen inkriminirt [?] werden. –

Über unsere Zustände zu sprechen oder zu schreiben, lohnt fast nicht mehr der Mühe! Die Fäulniß des Staats-Körpers ist bereits eingetreten – aber der Zersetzungs-Proceß wird wohl noch eine Weile dauern. Was inzwischen für Phasen ko_men und welche neuen Schöpfungen aus der Verwesung aufstehen werden, das mag der Hi_mel wissen!

 
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Hier sind sie noch so blind, daß sie mit kleinen Conzessiönchen im Gange zu halten glauben: sie lassen den Zügel ein wenig [ergänzt: nach] u. ziehen ihn plötzlich wieder straffer an <und> merken nicht, daß das Pferd bereits im Durchgehen begriffen ist! – Du fragst, was ich treibe? Ich habe einige Dramatische vorbereitet und warte den Zeitpunkt ab, dies u. Jenes zur Aufführung zu bringen. Es ist aber jetzt Alles schwierig und überall in [unleserlich]. Sogar den

 
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unschuldigen "Deutschen Krieger" kö_nen oder wollen sie jetzt – obwol in die deutsche Strömung geraten [?] – wegen des unseligen Friedens v. Villa franca nicht auf die Breter bringen. Da schreib’ Einer Stücke! –

Was macht Deine Poësie? Ich hoffe, Du hast nicht Alles an den Nagel gehängt! Man ka_n freilich der heran rückenden Barbarei jetzt mit nichts Einhalt thun – aber man möchte doch i_mer noch mit einem Faden an die frühere Literatur-Epoche anknüpfen! –

An Frau u. Söhnlein das Schönste – auch an die Schönfelds!
In Hoffnung, Dich bald in Wien zu sehen

<Dein>
Bauernfeld

Wien 8/12 59.

 
     
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