Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Mauer bei Wien, am 6. Juli 1857
 
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Mauer bei Wien 6. Juli 857.

Lieber Freund!

Ich ka_n Dir für dir Mühe, die Du Dir mit meinen [durchgestrichen: ?] Possen gegeben so wie für Deinen liebenswürdigen Brief nicht genug danken! Ich wollte die allerletzte Feile nicht anwenden, bevor Deine Kritik angelangt war; leider daß ich mir Alles, was Du gegen die Gedichte einwendest, schon früher <und> in erhöhtem Maß selbst sagen müßte! In der Hauptsache läßt sich aber nun nicht helfen. Der Heine’sche Ton, in welchen ich häufig geriet, läßt sich nicht völlig ausmerzen, auch beko_men die allzu langen <und> formlosen Stücke dadurch, daß man sie kürzt, noch i_mer keine poëtische Form, endlich stehen mir, wie ich sehr wohl weiß, gewisse geniale

 
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Wendungen und "Drucker" nicht zu Gebote. Ich muß mir also zur Not hier durch Streichen, theils durch Umändern helfen. Nachfolgend Gedichte (theils schwehr, theils verletzend) bleiben gänzlich weg: "Das Gastmal," – "Was sich Graben u. Wollzeile erzählen," – "Auf der Bastei"– "Ein leitender Artikel" (vom Pabst) – "Aus dem Tagebuch eines Radikalen," – "Ein Wort von Lenau," – "Auf der Gassen" (Sauber [?]) – "deutsches Schauspiel" <und> "italienische Oper". Von den "Diavolini" bleibt nur ein dutzend der witzigsten. An dem Rest feile, ändere u. kürze ich so gut ich’s vermag. – Ein Gedicht muß ich gegen Dich in Schutz nehmen, den "Wiener-Censor." Es gilt mir u. fast Allen, die es ke_nen, als das beste der Sa_mlung. Der Schluß ist schlecht. Ich habe ihn folgender Maßen abgeändert:

Steht und stiert durch’s off’ne Fenster,
Draußen wehen Frühlingslüfte,
Doch den Ma_n, der finster brütet,
Haucht es an wie Grabesdüfte.

An dem off’nen Fenster kräuselt
So_nenstaub im Morgenscheine –
Und ein Ma_n lag auf der Straße
Mit zerschlagenem Gebeine.

 
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Das Büchlein ist ein Gemisch von Gemüth <und> Satire <und> soll der Plänkler [?] <und> Vorläufer eines (österreichischen) Romans seyn, wo ich mich freilich bequemer bewegen und etwas mehr auslassen darf. Satiren (besonders in Versen) machen wollen, wo man durch Censur oder Selbst-Censur gênirt ist, ist vielleicht ein Unsi_n, besonders wo das eigentliche Génie fehlt. An Frieden liegt mir nicht eben viel, auch bin ich hier ohnehin keine persona grata – aber um so minder mag ich mich lächerlich machen. Überlege also noch Ein Mal wirklich <und> schreibe mir ganz offen, ob ich nicht besser thue, das ganze Zeug ungedruckt zu lassen. Ich ka_n die Sache noch rückgängig machen. Einstweilen schreibe ich meinem Leipziger-Verleger, daß ich noch ein acht oder zehn Tage zum Feilen brauche, was auch wahr ist. Du hast also Zeit, mir noch einen Liebesdienst zu erweisen und mir Dein Ultimatum zu schreiben, nach welchem ich mich genau richten will. Es frägt sich, ob die etwa guten Stücke hinreichend sind, we_n man alle gedehnten <und> schlechten weg läßt. Im Notfall erwarte ich deine Ankunft u. gehe das Ganze mit Dir durch.

 
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Ich sitze hier auf dem Landhause des (unverheirateten) Moriz Todesko <und> lebe en garçon. Leider hab’ ich mir unlängst den Fuß verstaucht, mußte vier Tage mit Eis-Umschlägen liegen u. ka_n noch kaum in den Garten hinken. Schreibe aber nur unter meiner gewöhnlichen Adresse nach Wien. Ich beko_me täglich Zeitungen und Briefe heraus. Sobald Deine Reise festgesetzt ist, theile mir den Tag Deiner Ankunft in Wien mit; ich ko_me da_n hinein, Dich zu erwarten, so lieb es mir wäre, we_n Du Dich entschließen kö_ntest, zu mir heraus zu ko_men.

Du weißt, daß ich nicht von vielen Worten bin – ich muß aber wiederholen, daß ich mich Dir durch Deine freundschaftliche Theilnahme an meinen Versuchen zur i_nigsten Dankbarkeit verpflichtet fühle.

Dein
Bauernfeld

 
     
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