Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 3. November 1853
 
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Wien 3. Nov. 853.

Lieber Freund!

Du wirst erstaunt seyn, daß ich Deinen Auftrag bezüglich der Bücher noch i_mer nicht besorgt habe – ich hatte mich aber sogleich nach Empfang Deiner Zeilen an die Hofbibliothek gewendet, welche mir nach Tagelangem herum Suchen einige Bände der Petitot’schen Sa_mlung zusendete. Darin ist folgender enthalten: Notice sur Mad. de Caylus. 24 Seiten. Souvenirs de Mad. de Caylus. 124 S. Ferner: Notice sur Mad. de La Fayette 36 [?] S. Endlich die ihr zugeschriebenen Memoires de la cour de France pour les années 1688 et 1689. 120 Seiten. Ich habe die Sachen durchgeblättert u. nichts als magere Notizen darin

 
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gefunden <und> trockene Auszüge, welche mir des Absendens nicht werth scheinen. Der Beamte der Hofbibliothek, an den ich mich nun neuerdings wendete mit der Versicherung: es müßten ausführlicher Memoiren der beiden Damen existieren, eri_nerte sich auch daran <und> versprach nachzusuchen. Auf wiederholtes Andringen erklärte er mir, die Cataloge seien etwas in Unordnung gerathen; nach der dritten Mahnung (in Zwischenräumen) erlahmte ich endlich u. gab die Hoffnung auf, daß sich diese provisorische Unordnung so bald in Ordnung verwandle. So stehen die Dinge. Petitot liegt übrigens noch bei mir. Bei Deinem nächsten Besuch magst Du die Bücher

 
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examiniren u. selbst beurtheilen, ob es der Mühe lohne, sie mit zu schleppen. Vielleicht findet sich inzwischen das eigentlich Verlangte. Nach dieser Auseinandersetzung hoffe ich bei Dir und deiner Frau, welcher ich mich schönstens empfehle, nicht für einen Bidnam [?] zu gelten. – Von Castelli, der sich wieder halb erträglich befindet, hatte ich inzwischen erfahren, daß Du aus Triest zurück bist – ohne Zweifel wohlauf. Was mich betrifft, so arbeite ich über Hals und Kopf, meine "Löwen von ehedem" in Scene zu setzen. Das Stück spielt in London im J. 1788 u. hat eine Humanitäts-Richtung. Am 7. Nov. ist die Aufführung. Im Lauf des Winters soll noch ein Lustspiel "Welt u. Theater" folgen.

 
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Ich sende Dir die Sachen, sobald sie gedruckt sind. – Von neuen Büchern ist besonders anzurühmen: "Geschichte der Revolutionszeit von 1789 bis 1795 von Heinrich von Sybel. Iter Band. Düsseldorf, Julius Buddäus 1853. Der Verf. gibt aus neuen Quellen ganz neue Aufschlüsse. Die Darstellung ist sine ira et studio, einfach, objektiv; er ne_nt das Kind beim Namen ohne Schönfärberei, ohne theatralische Ausschmückungen, wie bei Herrn La Martine et Consorten. Man sieht, wie große Ideen in den Händen schlechter oder kleiner Menschen verunreinigt werden – ganz wie in unsern Tagen. – Sonst nichts Neues. In der Politik weht der gewisse schaurige Wind, welcher den Ungewittern vorher zu gehen pflegt. In der Literatur ist Stillstand – we_n nicht Schli_meres. Ob du etwas arbeitest, weiß ich nicht. In der Hoffnung, von Dir zu hören oder Dich bald bei uns zu sehen

<Dein>
Bauernfeld.

 
     
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