Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Döbling, am 26. Juni 1852
 
  Seite 1
 

Döbling 26. Juni 850.

Lieber Freund!

Ich danke Dir für Deinen Brief <und> bitte Dich zugleich, mich bei Deiner Frau zu entschuldigen. An Castelli hab’ ich bereits früher geschrieben, daß ich vor Anfang August nicht ko_men würde. Nach meiner ganzen So_mer-Eintheilung ist’s nicht wohl anders möglich. Ich sitze hier fest – mit meiner Wasser-Kur u. meinem neuen Lustspiel beschäftigt. Ich getraue mich nicht, die Arbeit, die im Flusse ist, zu unterbrechen; auch möchte ich – aufrichtig gestanden – die Fahrt nach Lilienfeld

 
  Seite 2
 

nicht zwei Mal unternehmen. Habe übrigens die Güte, dem Castelli zu sagen, daß ich schwerlich vor halbem August abko_me, ihm jedoch meine Ankunft jedenfalls vorher schriftlich melden werde. We_n Du zugleich Frau Marien mittheilst, daß ich über [unleserlich] Menge Dinge verdrießlich bin – zb. über den (eigentlich lächerlichen) Verbot meiner Gedichte – so wird sie zur Überzeugung gelangen, daß ihr meine Wortbrüchigkeit wenigstens keinen besonders liebenswürdigen Gesellschafter entzieht. – Was geschieht de_n sonst mit Dir? Wird heuer die Nordsee nicht besucht? Arbeitest

 
  Seite 3
 

Du nichts? – Man hat freilich keine rechte Lust! Das Publikum ist gleichgültiger als je – <und> die deutschen Kunstphilosophen fangen nun gar an, alles bisher Geschaffene von Shakespeare bis jetzt zu negiren und von einem "Kunstwerk der Zukunft" zu sprechen. Das wird vermutlich zugleich mit dem einigen Deutschland fertig [durchgestrichen: zu [?]] werden! Was sollen wir arme Kinder der Gegenwart?

Die schönsten Grüße an Alle!

Dein
Bauernfeld.

 
     
  Zurück zu Bauernfeld Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten