Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 21. Mai 1851
 
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[Poststempel "Steinbrücken 22/5"]
[Poststempel "Gurkfeld"23/5"]
Se.
Herrn Ant. Alex. Grafen v. Auersperg.
Thurn am Hart
:(in Krain):
über Steinbrücken,
Gurkfeld.

 
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Lieber Freund!

Für die Mühe, die Du Dir mit meinen Gedichten gegeben, danke ich Dir sehr. Ich habe übrigens bei der neuerlichen Durchsicht entdeckt, daß Vieles gefeilt und gekürzt werden muß und daß Mancherlei am besten weg bliebe. Vielleicht ließe sich das Ganze in drei Abtheilungen bringen: "Jugendleben", "Satire" und "poët. Tagebuch". We_n Du mir räthst, mit der Herausgabe nicht zu zögern, so muß ich Dir offen gestehen, daß es mir an einem Verleger fehlt. Mit den Wiener-[unleserlich] mag ich mich nicht einlassen und mit Cotta ist nichts anzufangen. Weißt Du da Rath, so wär’ es mir lieb. Ich will übrigens die Sachen im Lauf des So_mers gehörig durchfeilen u. ein Manuscript für den Druck bereit halten. – Lenau’s Nachlaß hab’ ich natürlich gelesen und war über Dein Vorwort, das von so viel Pietät u. Liebe zeigt, wie alle Welt höchst erfreut. Der Don Juan hat mich – aufrichtig gestanden – wenig angesprochen. Es sind wohl disjecta membra poetae darin, aber man darf weder an Lord Byron noch an Mozart denken – u. der Vergleich

 
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wird doch heraus gefordert. Das Ganze zeigt überhaupt nur einen bereits ermatteten Geist; in den Gedichten – mit wenigen Ausnahmen – ist die Eigenthümlichkeit bereits zur Manie geworden; das letzte ist das Schönste. – Deine politischen Klagen werden überall laut, zumeist in Ungarn. Eben dort liegt die Lebensfrage der Monarchie, womit sich die Regir<ung> unablässig beschäftigt u. eben deshalb den andern Provinzen nur geringere Aufmerksamkeit schenkt. Leider hat man von allem Anfang her nicht den richtigen politischen Takt bewiesen, die Magyaren erst vor den Kopf gestossen, da_n sich ihnen wieder zu nähern gesucht – aber man tappt herum, ohne klare Principien, u. so werden wir wohl noch manches Jahr in der Schwebe leben. Der ungar. Gutsbesitzer, der ohnehin niemals bares Geld hatte u. jetzt alle möglichen Bauern zahlen soll, ist dadurch der Verzweiflung nahe gebracht. Was die Forstsachen betrifft, so sind, wie ich von Kleyle weiß, die Gesetze längst fertig, aber der gemütliche Thi_nfeld hat sie bisher noch nicht auf den Ministertisch zu bringen gewußt. Inzwischen behilft sich ein Jeder, wie er ka_n; die "freien Gemeinden" hauen ihre Wälder nieder, we_n sie Geld brauchen, und treiben ihre Schafe, diese Wiesen-Vertilger, auf jeden Fleck hin, wo noch ein Grashalm wächst. Es ist ein

 
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charakteristisches Zeichen unserer Zeit, daß ein Jeder nur an’s Nächste denkt, an sich selber, an den heutigen Tag, u. für die Zukunft, für die Enkel, den lieben Gott sorgen läßt. Das berüchtigte: après moi le déluge ist das allgemeine Losungswort geworden. – Ich war inzwischen fleißig u. habe den "Kateg. Imperativ" neu gemacht – aber nur in zwei Akten. Ich will das Lustspiel nebst einem kleinen Schauspiel aus der Zeit des Louis XV. jetzt in München, Weimar u. Berlin aufführen lassen. Ein größeres Stück: "Das liebe Ich" geht mir im Kopf herum. Darin möcht’ ich gern den Menschen, wie sie sind, einen Spiegel ihres hohlen, zerflossenen Wesens vorhalten. Der Gedanke wäre so übel nicht – nur weiß ich nicht, ob ich das Genie habe, ihn auszuführen. Jedenfalls will ich auf die Composition der Fabel – sonst meine Schwäche – allen möglichen Fleiß verwenden. Mit Charakteristik u. Dialog will ich schon fertig werden. – Wie steht’s mit Deinen Planen [?]? Was macht der Hutten? Ich denke, das wäre so recht der Ma_n für Dich <und> auch für uns, de_n der Kampf gegen die Kutten scheint wieder notwendig zu werden. – Was hältst Du von Deutschland und von Schwarzenberg? Der Ma_n hat wenigstens Eine Eigenschaft: Festigkeit – u. damit ka_n man schon etwas ausrichten, besonders in unserm lieben deutschen Vaterland, wo längst keiner mehr weiß, was er will. – Daß Du als Kritiker auch noch Porto bezahlt hast für meine Reime, thut mir leid. – Ich ziehe, we_n’s wieder warm wird, nach Rodaun, da_n zu Castelli. Solltest Du nach Wien ko_men, so laß mich’s früher wissen. Grüße deine liebe Frau und behalte lieb

<Deinen>
Bauernfeld.

Wien 21/5 51.

 
     
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