Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 31. Oktober 1850
 
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[Poststempel "Gurkfeld 3/11"]
S.
Herrn Anton Alexander Grafen
v. Auersperg
Thurn an Hart
:(in Krain):
über Laibach.

 
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Wien 31. Okt. 850.

Lieber Freund!

Du schreibst so geordnete und verständige Briefe und ich antworte meist mit Zetteln – so daß ich mich wahrhaftig zu schämen anfange. Aber wer ka_n für seine aphoristische Natur? Gleich nach Empfang Deines Schreibens hatt’ ich mich nach Lenau’s Don Juan erkundigt und in Erfahrung gebracht, daß Hr. Schurz sich in dieser Angelegenheit bereits an Dich gewendet. Über Hals und Kopf mit der Vollendung eines Lustspiels beschäftigt (welches nun, Gott lob, fertig ist)verschob ich alles Briefschreiben bis zu diesem Moment meiner Befreiung. – Deine Sti_mung erscheint mir ein wenig gedrückt, was um so begreiflicher ist, da Dich die Ereignisse unmittelbarer berühren als unser Einen, der sich wenigstens alles Äußere vom Halse schaffen ka_n. Deine Schilderung unsers s.g. constitutionellen Lebens enthält vieles Richtige – nur thust Du den

 
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Herren [unleserlich] et Comp. zu viel Ehre an, da Du sie für wichtiger zu halten scheinst, als sie sind. Sie sind nicht die Träger, sondern die Aushängeschilder des Systems. In der höheren Politik haben sie kein Wort mit zu sprechen. Dafür läßt man sie in ihrem rayon gewähren, bis man sie vor die Thüre setzen ka_n oder sie mit irgend einer Ehrenstelle abfertigt. Glaube mir, ich bin vielleicht eben so wenig ein Freund von Revolutionen als Du (von stupiden schon gar nicht!) aber ich habe mir leider aus Leben und Geschichte die Erfahrung abstrahiren müssen, daß die rohe dämonische Gewalt von Zeit zu Zeit auftreten muß, um die Stagnation zu unterbrechen, in welcher sich die Macht, die kein Genie ist, i_mer gefällt. Revolutionen hindert man einzig durch Verstand, Ehrlichkeit und Energie – aber das Ministerium Schwarzenberg scheint an diesen schönen Dingen keine Über-Fülle zu besitzen, eine gewisse Hartnäckigkeit ausgeno_men, die sich gerne für Energie ausgeben möchte. Die Demokraten sind eben auch nicht besser – und so werden sich die Dinge wohl noch eine hübsche Weile in der Schwebe erhalten. Ko_mt Zeit, ko_mt Rath! Ist die Diplomatie nicht gar zu ungeschickt, so ko_mt es in den nächsten Jahren zu keinem Kriege – das ist die Hauptsache! Frieden, Handel und National-

 
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Ökonomie kö_nen Vieles ausgleichen. An ein neues Chaos, wie zu den Zeiten der Völker-Wanderung, glaub’ ich nicht. – Jetzt eine Bitte an Dich. Ich habe, durch Dingelstedt veranlaßt, meine Gedichte gesa_melt – darunter sehr viele satirisch-politische. D. nahm die Hefte nach Stuttgart mit. Nun reist aber Cotta längst in der weiten Welt herum u. ich möchte die Sachen gerne zur Oster_messe erscheinen lassen. Glaubst Du, daß Weidmann in Leipzig geneigt wäre, den Band zu übernehmen? Jedenfalls lass’ ich mir das Manuskript wieder zurück schicken, um es noch ein Mal durchzufeilen; auch möcht’ ich Dich ersuchen, es mit kritischem Auge durchzusehen. – Eben besuchten mich Karl [unleserlich] und Frankel, welche freundlichst grüßen. Letzterer wird Dir mit Nächstem schreiben. Castelli ko_mt nach halbem November aus Weitra zurück; doch steht es nicht zum Besten mit ihm. Dessauer ist eben beschäftigt, seine neue Oper in Scene zu setzen. Deine "Volkslieder" finden hier Anklang, und vom "Pfaffen" werden, wie ich höre, neue Auflagen vorbereitet. Man findet doch i_mer noch Publikum! – Die Fama behauptet, daß du im Laufe des November nach Wien ko_men wirst – ich hoffe, daß es sich bewahrheitet. Mit den herzlichsten Grüßen an Dich und deine Frau

<Dein>
Bauernfeld.

 
     
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