Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Lilienfeld, am 26. August 1850
 
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[Poststempel "Gurkfeld 30/8"]
Se
Herrn Anton Alexander Grafen v. Auersperg
Thurn am Hart
:(in Krain):
über Laibach.

 
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Lilienfeld 26. August 850.

Lieber Freund!

Ohne Deinen Aufenthalt zu wissen – die Zeitungen ließen Dich nach Helgoland reisen – schreib’ ich Dir auf’s grathe Wohl. Der Verlust unsers Freundes Lenau, den ich hier bei Castelli erfuhr, wird Dich von uns Alten am schmerzlichsten ergriffen haben, da Du ihm am Nächsten standest. Der Tod war übrigens für ihn eine wahre Befreiung, bei dem Zustand, bei dem Zustand, in welchem er sich bereits seit längerer Zeit befand – vermuthlich ohne ihn empfunden zu haben. Laß mich erfahren, wie die traurige Nachricht auf Dich eingewirkt u. wie Du Dich physisch und geistig befindest. Unser alter Castelli, der Dich freundlich grüßt, liegt leider in Gichtschmerzen darnieder; ich leiste ihm nur mehr ein paar Tage Gesellschaft, um da_n nach Wien zurück zu kehren. Was ich dort machen werde? Ich weiß es nicht. Fast ko_mt es mir vor, als hätte ich meine Rolle dort abgespielt. Die Lüge und Heuchelei, die sich – nur in anderer Form – wieder geltend [ergänzt: macht,] erscheint mir nach u. nach i_mer unerträglicher, <und> zwar um so mehr, da die meisten meiner ehemaligen "Freunde" in dasselbe unrein klingende Horn blasen. Du und wenige Andere sind Ausnahmen. Laß bald etwas von Dir erfahren

Deinen
Bauernfeld.

 
     
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