Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 21. Mai 1850
 
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[Poststempel "Briefs No 1 22. Mai. 2. Exp: 3 ¼ F [?]"]
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[Poststempel "Landstrass 25. Mai:"]
[Poststempel "Gurkfeld 25/5"]
Se
Herrn Anton Alexander Grafen von
Auersperg
Thurn am Hart
:(in Krain):
über Laibach.

 
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Wien 21. Mai 850

Lieber Freund!

Vielen Dank für die Übersendung des "Pfaff vom Kahlenberg" – ich werde ihn jetzt das zweite Mal und mehr im Zusa_menhang lesen und genießen, und zwar – wie es sich für ein "ländliches Gedicht" geziemt – auf dem Lande. Ich begebe mich nämlich nächste Woche nach Rodaun zur Gutherz’schen Familie, wo ich ein paar angefangene dramatische Sachen fertig bringen will. – Anbei Löwenthal’s Äußerung, Lenau betreffend. Willst Du deinen Beitrag an mich senden, so besorg’ ich das Weitere. – Der politische Katzenja_mer hier und in Deutschland ist so eckelhaft, daß man – we_n man nicht intriguiren oder etwas erreichen will – am besten ganz aus dem Spiele bleibt. Ich ko_me nach und nach dahinter, daß die Vernunft im Staate eigentlich gar nicht zum Durchbruch ko_mt, als etwa durch große und sonst ausgezeichnete Tira_nen, wie Perikles, Julius Cäsar, Napoleon etc. In den Zwischenzeiten kämpfen die schlechten Leute beider Seiten miteinander, meist um ganz was Anderes, als dabei herausko_mt. Wir thun gut, we_n wir uns um das Zeug gar nicht kü_mern, wie’s auch die vor uns gemacht haben. Im Grunde ist’s ja wirklich höchst gleichgültig, welche Gattung Tröpfe in den Gemeinderath oder auch in’s Ministerium ko_mt. – Du bist in alten Sagen, Memoiren udergl. weit mehr bewandert als ich – gib mir einen Stoff oder Fingerzeig zu einem mittelalterlichen deutschen Lustspiel. Aber es müssen sich auch Verse anbringen lassen – die Prosa krieg’ ich nachgerade satt. Wäre de_n aus Otto dem Fröhlichen nichts zu machen? Die schönsten Grüße an Dich <und> Frau

von Deinem
Bauernfeld.

 
     
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