Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 3. November 1849
 
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[Poststempel "Wien 3. Nov:"]
[Poststempel "Briefs No 1 3. Nov. 4 Exp: 2¼A."]
Se
Herrn Anton Alexander Grafen
von Auersperg
Thurn am Hart
in Krain.
über Steinbrücken,
Gurkfeld.

 
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Wien 3. Novemb. 849.

Lieber Freund!

Wiederholt hatte ich an Dessauer um Auskunft über Dich geschrieben, da Du mir meinen letzten Brief – gegen Deine Gewohnheit – nicht beantwortet. Er hatte keine Nachricht von Dir u. die Zeitungen ließen Dich in letzter Zeit in München seyn. Demungeachtet wollt’ ich Dir auf’s Gradewohl nach Hause schreiben, als Dein Brief und dein Gedicht (erst vor vier Tagen) ankam. Für Beides Dank. Die Verse fließen im 3. Theil leichter und reiner als in den beiden ersten; die Donaufahrt, die Beschreibung des Doms und so Vieles sind reiche Perlen; der poëtische Gedanke wuchert üppig – vielleicht zu üppig. Jedenfalls bist Du der Einzige in dieser Art, die uns die naive Poësie der Mi_nesänger zugleich mit moderner Anschauungsweise vermittelt. Vielleicht bedienst Du Dich im Gedicht der Apostrophierung zu häufig und mahlst Nebendinge [?], wie sie sich eben darbieten, zu sehr aus. Sollt’ ich etwas am Ganzen tadeln, so wär’s, daß es eben kein Ganzes ist – vergib dem Dramatiker! Doch Du wolltest ja Bilder geben, keine Geschichte. Die Stollen in der [unleserlich]

Etwas verspätet hat das Messer
Den Zölibat ihm aufgezwungen
bis: Solch bunt unklösterlich Gewieher [?]!

möcht’ ich fast weg gelassen. So viel nach erstem Durchlesen.

 
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Der Postwagen wird das dü_ne Manuscript nicht a_nehmen; vielleicht hat Braumüller einige Bücher an Dich beizulegen – ich will mich heute noch erkundigen u. es mit erster Gelegenheit zurück senden. – Du verwunderst Dich, daß ich in so trüber Zeit schreibe, während Du mir selbst ein Gedicht sendest. Du meinst wohl, daß ich sogar dieser abscheulichen Gegenwart eine ironische Seite abgewi_ne. Die Sti_mungen wechseln, und es sind eben Abschnitzel, welche da_n die guten Freunde, we_n sie zugleich Journalisten sind, für ihre Blätter in Anspruch nehmen. – Gar so schli_m, wie Du meinst, sieht unsere Sache nicht aus. Die Barbarei von Oben gleicht zwar allerdings der früheren von Unten – auch dürften die Ausnahmezustände noch lange dauern. Trübe Jahre werden folgen, das ist gewiß; das Volk ist arm und du_m, und im nächsten Dece_nium ka_n die leibliche und geistige Dürftigkeit kaum merklich gebessert werden. Übrigens wird fleißig gearbeitet und die Arbeit wird noch zunehmen. Ungeheure Fehler sind von allen Seiten geschehen – vielleicht war’s nötig, um den alten Wust völlig aufzuräumen. Österreich muß wieder eine Macht werden oder es wird zerfallen – das sieht Jeder ein. Gerechtigkeit, Unterricht, Handel und Ackerbau, tüchtige Repräsentation nach Außen kö_nen das Ganze neu gestalten, we_n sich nach u. nach

 
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die rechten Mä_ner finden – we_n nicht, so ka_n freilich in einigen Jahren der Durcheinander noch größer werden. Wir müssen’s erwarten. Aber sieht’s irgendwo freundlicher aus? Von Deutschland zu schweigen – sieh nach Frankreich, nach Italien! Kö_nen die irgend was Vernünftiges zu Stande bringen? Überall Mattherzigkeit, nirgend frische Lebensfähigkeit. Täuscht mich nicht Alles, so wird über kurz oder lang ein Principienkrieg ausbrechen u. vielleicht ganz unerwartete Resultate geben. Erst we_n die große Crise [ergänzt: vorüber] ist, wird sich’s zeigen, wo die Welt hinaus will. – Dessauer ist noch in Ischl u. hat seine Oper beendigt. Castelli ist in Wien u. es geht ihm erträglich. Daß Schuselka die Brüning geheiratet hat, wirst Du wissen. Requiescat! Kuranda redigirt frischweg [?] und Frankl saugt an den Pfoten. Grillparzer ist fast "unmöglich" geworden. Ich selbst hoffe mit Nächstem meinen Sickingen sa_mt Hutten und Luther auf die Bühne zu bringen. Wie das Manuscript gedruckt ist, send’ ich es Dir sogleich.

Mit den herzlichsten Grüßen an Dich und Deine Frau, und den harten Verlust bedauernd, den sie erlitten,

<Dein>
Bauernfeld.

 
     
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