Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Stuppach bei Gloggnitz, am 11. Juni 1849
 
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[Poststempel "Gloggnitz 11. Jun"]
Sr.
Herrn Anton Alexander Grafen
von Auersperg
Thurn am Hart
:(in Krain):
über Landstraß.

 
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Stuppach bei Glocknitz 11. Juni 849.

Lieber Freund!

Im obigen Orte hat mich Dein Brief vom 31. Mai erst gestern getroffen, als ich von einer kleinen Gebirgsreise zurückkehrte, auf welcher ich auch – Gratz besuchte, aber [ergänzt: auch] nur berührte. Vergib, daß ich Dich davon nicht in Ke_ntniß gesetzt, aber ich wußte wahrhaftig nicht, ob <und> wa_n ich in Deine Nähe ko_men würde, auch war es mir nicht vergö_nt, zu verweilen. – Was deinen Seb. Brunner betrifft, so ist er meines Wissens von der Metternich-Hügel’schen Parthei und auch nur dort beka_nt. Die "blöden Ritter" ke_n’ ich nicht, doch werd’ ich sie mir hieher verschreiben. Deine Antwort hat in keinem Fall meine Billigung; Du thust ihm damit zu viel Ehre an. Seit der leidigen Preßfreiheit haben täglich die ehrlichsten Leute die unglaublichsten Angriffe zu erdulden. Das Beste ist schweigen oder gelegentlich ein paar Keulenschläge in ein Journal, etwa die ost-deutsche Post. Dessauer ist längst in Ischl; ich ka_n ihn daher nicht zu Rathe ziehen. Deinen Brief werd’ ich ihm mit einigen Zusatzzeilen

 
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übersenden. – Novag’s Ableben hab’ ich Dir wohl in meinem letzten Briefe mitgetheilt; Du hast ihn vielleicht nicht erhalten, jedenfalls nicht beantwortet. – Die Zustände in Deutschland sind allerdings abscheulich, besonders weil die Führer fallen; noch ist Chaos, und die Revolution nicht auf den Punkt gediehen, um sich den Leiter [?] zu erzeugen. Sollte sie sich vorläufig im Sand verlaufen, so wäre wenig gewo_nen; früher oder später bricht’s wieder los. Der sociale Durcheinander ist leider der Begleiter jeder politischen Bewegung, und gibt den Gegnern den Anlaß, sich der Freiheit entgegen zu stellen, unter dem Vorwande, die Anarchie zu bekämpfen. – Anders ist’s in Ungarn. Kossuth ist ein politischer Kopf, zugleich fanatisch, folglich fanatisierend. Gelingt es ihm, das ganze Land für sich zu gewi_nen – wie es fast den Anschein hat – so seh’ ich nicht ein, wie selbst die Russen mit ihm fertig werden sollen. K. hat seine Fäden überall hin gezogen – <und> er wird, bevor Ungarn unterliegt, einen europäischen Krieg

 
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angefacht haben. Sein mächtigster Verbündeter ist aber unsere täglich wachsende Finanznot. We_n er klug eine [ergänzt: Haupt-]Schlacht vermeidet <und> den Krieg in die Länge zieht, so müssen wir uns fast unzweifelhaft verbluten [?]. Die Geschichte hat kein Beispiel von einer unheilvolleren Politik und erbärmlicheren Kriegführung (besonders früher, im Winter) als die Österreich’s gegen Ungarn. – – Du schreibst kein Wort von Deinem Gedichte. Bring’ es doch zu Ende! Da wir weder zu kriegerischen noch diplomatischen Rollen geschaffen scheinen, so laß uns wenigstens der Barbarei entgegen treten, indem wir schreiben. Es werden doch wieder Phasen ko_men, wo die Leute ein wenig lesen. – Ich bleibe vor der Hand hier. Deine Briefe treffen mich also unter der Adresse: Stuppach bei Glocknitz. – Wien ist sehr abscheulich. Die Leute waren i_mer du_m; jetzt haben sie auch noch Angst. – Daß Du eine gute Meinung von mir hast, freut mich. Vielem Geld – <und> den Seelen in Wien bin ich ein Schauder. Es lockt mich i_mer, mich ihnen ärger zu zeigen als ich bin. Das ist ein Fehler – aber wer ka_n für seine Natur? – Deine Biographie ist bereits gedruckt. Mit vielen Grüßen an Dich und deine Frau

<Dein>
Bauernfeld.

 
     
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