Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 1. April 1849
 
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Se
Herrn Anton Alexander Grafen
von Auersperg
Thurn am Hart
:(in Krain):
über Landstraß.

 
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Wien 1. April 849.

Lieber Freund!

Nun haben wir einen deutschen Kaiser! Der König von Preußen ka_n <und> wird natürlich nicht annehmen – was aber da_n? Ich gestehe, bei Frankfurt bin ich mit meinem Latein zu Ende. Du wirst sehen, die Sache fällt noch ganz der Diplomatie anheim, vielleicht schlüßlich ko_mt ein europäischer Congreß wegen Revision der Verträge von 1815 zu Stande, wobei freilich auch eine Art Volks-Repräsentation statt finden dürfte. Sonst gibt’s einen allgemeinen Krieg, wobei Deutschland wieder nichts gewi_nen wird, am wenigsten sich selber. – Das zurück folgend Gedicht hatte ich dem Kuranda gegeben, der es erst drucken wollte, später aber meinte, die Person, an die es gerichtet, sei zu unbeka_nt, auch sei es unpassend, daß Du nach längerer Pause mit einer an sich minder bedeutenden Kleinigkeit auftreten solltest [?]. Das mein’ ich beiläufig auch <und> freue mich dafür auf den letzten Teil deines Epos. – Daß unser Ministerium unrecht gethan, das Volkshaus geradewegs zu verwerfen, ist richtig. Ich habe mit Stadion darüber gesprochen, der mich seiner deutschen Gesi_nung versicherte u. zu einigem Nachgeben geneigt schien. Im Herzen sind die Herrn zu sehr öster. Beamte; auch sehen sie i_mer ihre Radetzki’s im Hintergrund <und> halten eigentlich die ganze (freilich unbehilfliche) deutsche Bewegung für eine Art großen Krawall. Einige Wochen in der Paulskirche zugebracht würden ihnen ein wenig den politischen Staar stechen. – Sobald ich hier flott machen ka_n, ko_me ich nach Gratz <und> werde Dir den Tag meiner Abreise früher melden – vielleicht bered’ ich Dessauer, mit zu gehen. – Sonst ist nichts zu melden, als daß Wien unendlich langweilig ist <und> daß die Armut von Tag zu Tag zuni_mt. Gott besser’s!

<Dein>
Bauernfeld.

 
     
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