Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 9. Februar 1849
 
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[Poststempel "Wien 10. Feb:"]
S.
Hrn. Anton Alexander Grafen
von Auersperg
Thurn am Hart
:(in Krain):
über Landstraß.

 
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Wien 9. Feber 849.

Lieber Freund!

Ich hatte bereits deinetwegen nach Graz geschrieben, da mir dein langes Schweigen unbegreiflich war, ko_nte aber nur erfahren, daß Du Dich in Thurn am Hart und wohl befändest. Hast Du de_n meinen letzten Brief nicht erhalten? Ich hoffe doch! <und> wundre mich nur über die Saumseligkeit eines sonst so genauen Correspondenten. – Diese Zeilen sollen Dich vor Allem an Hrn. Pfautsch mahnen und die ihm versprochene Skitze, deren er dringend benötigt. –

Dein Brief vom 3.ten ko_mt eben an <und> ich lasse Herrn Pfautsch fallen. Deine Sti_mung, indem sie aus unangenehmen Verhältnissen herrührt, betrübt mich sehr. Ich bin mit Dir einverstanden, daß nichts unerträglicher ist als die Ungewißhheit, doch ka_n man mit ziemlicher Gewißheit a_nehmen, daß weder Reichstag noch Ministerium Euch Besitzende gerradezu vernichten lassen ka_n. – Leider muß ich das Unangenehme, das Dich drückt, noch durch eine kleine Anfrage vermehren, die Du mir nicht übel deuten wirst. Es betrifft deinen Beitrag für Lenau. Laß mich wissen, was Du in deiner jetzigen Lage etwa [?] für ihn noch thun ka_nst; da auch Cotta <und> Andere in Rückstand bleiben, so ist man hier einiger Maßen

 
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in Verlegenheit. – Über mich selbst bin ich gleichfalls ungewiß. Beamter seyn mag <und> ka_n ich fast nicht länger – was aber eigentlich anfangen, ist mir noch nicht klar. Es steht kaum zu erwarten, daß in Literatur <und> Kunst für die nächste Zukunft in Österreich viel anzufangen, oder daß man Oben wie Unten sich viel darum bekü_mere. – Mit Deinem Gedicht bis Du wohl zu streng. Es enthält der echten Poësie ein tüchtiges Maß, <und> das Vormerzliche daran läßt sich noch verwischen. Den 3ten Theil erwarte ich mit Begierde. –

Deine Biographie hatt’ ich noch vor deinem Briefe theilweise umgearbeitet, <und> werde nach deinen Andeutungen noch Einiges ergänzen. Übrigens wiederhole ich die Bitte um die Skitze über unseren Antheil an den Merztagen. – Zu welcher Zeit ich nach Gratz ko_men ka_n, weiß ich noch nicht. Mein alter Pflegevater wurde vor 8 Wochen Theilweise vom Schlage gerührt und er ist noch in einem Zustand, daß ich es nicht wage, mich länger von Wien zu entfernen. Doch will ich die 3 Merztage, we_n es nur i_mer angeht, auf dem Lande zubringen, vielleicht bei Castelli. Ka_n ich später auf längere Zeit weg, so ko_m ich schon im halben April nach Gratz. – Deinen Unwillen über die s. g. "Gutgesinten" theile ich vollko_men. Die größte Zahl meiner früheren Beka_nten gehören zu diesem erbärmlichen Geschlecht – ich gehe fast Allen aus dem Wege.

 
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Ko_mt Dir die "ost-deutsche Post" vor, so lies meine Feuilleton’s, die mit [unleserlich] begi_nen <und> mit kurzen Unterbrechungen fortgesetzt werden sollen. – Zu "Großjährig" hab’ ich ein Nachspiel gemacht, welches man mir anfangs verbot. Ich ließ es in Prag aufführen, wo es gefiel. Noch in diesem Monat geben wir’s in Wien. – "Sickingen" spar’ ich für den Herbst auf und will ihn feilen nach Möglichkeit. Ich bringe oder sende Dir das Stück, an dem mir mehr liegt als an allen meinen früheren. Sonst schreib’ ich noch an einem Roman <und> an einer Broschüre über’s deutsche Theater. Du siehst, der Belagerungszustand hat wenigstens meinen Fleiß geweckt. Kö_nt’ ich hoffen, noch mehr Jahre im Zuge zu bleiben wie die letzten drei Monate, so wollt’ ich’s d’rauf wagen, schlechterdings nichts zu seyn als ein Schriftsteller. – Was unsere Zustände anbelangt, so fehlt uns noch i_mer ein tüchtiger Staatsma_n und eine ehrliche Politik. Deutschland scheint man sich wieder etwas nähern zu wollen, was uns die Slawen auf’s Neue entfernen wird. Wie man die Sache auch betrachten mag, ohne bedeutende mehrjährige Conflikte wird’s nicht abgehen. Und die i_nere Politik geht auch noch in der alten perfiden Weise! – Was sagst Du zu Alex. Bach? –

Die schönsten Grüße an Frau Marie wie an Dich selbst von

Deinem
Bauernfeld.

 
     
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