Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 21. Dezember 1848
 
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[Poststempel "Wien 1 Jan"]
[Poststempel [unleserlich]]
Se.
Hrn. Anton Alexander Grafen
von Auersperg
Thurn am Hart
:(in Krain):
über Landstraß.

 
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Wien 21. Decemb. 1848.

Lieber Freund!

Daß ich deinen Brief durch 4 Wochen unbeantwortet ließ, trägt nichts Anderes Schuld als der Belagerungszustand. Gleich anfangs November hatte ich mich aus Ekel vor den Leuten <und> ihrem Serailismus [?] (wie sie früher den Studenten hofierten, so jetzt den Soldaten) auf mein Zi_mer zurück gezogen und mich in das 16t. Jahrhundert versenkt, ob es mir gelänge, einen alten Lieblingsgedanken wieder herauf zu beschwören und ihn in die Gestalten zu kleiden, die mir längst vor der Seele schweben. Gelänge es, so hielte ich mir dadurch zugleich die unerquickliche Gegenwart vom Leibe. Es ist mir in so weit gelungen, daß ich mit meinem "Sickingen und seine Freunde" fertig bin.

 
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Das Ding ist eine Art tragisches Lustspiel. Auch Hutten und – erschrick nicht – Luther ko_men d’rin vor. An den letzteren wollt’ ich mich lange nicht wagen, allein er war durchaus nicht zu entbehren; übrigens gebrauche ich den Kunstgriff, ihn größtentheils mit seinen eigenen Worten sprechen zu lassen. Sehr lieb wär’ es mir, Dir das Werklein mittheilen [?] zu kö_nen; ich hoffe, Du wirst wenigstens daraus ersehen, daß ich weiser geworden bin und daß die großen Ereignisse der neuen Zeit und ihre Lehren nicht an mir vorüber gegangen sind. Diese Arbeit war züglich [?] die Ursache, daß ich gar keine Briefe schrieb und daß dieser – so viel von mir selbst handelt. – – Ihr habt vollko_men recht, auf dem Land zu überwintern; ich wünschte nur, daß die Veranlassung eine erfreulichere wäre. Allenthalben hat der Besitz einen gewaltigen Stoß erhalten, und ich sehe nicht einmal, daß durch das herunter ko_men der großen Besitzer die Anzahl der kleinen sich vermehrt hätte. Die Welt ist an sich ärmer geworden durch das Entziehen der pro-

 
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duktiven Kräfte <und> Thätigkeiten <und> durch das Vermehren der Streitkräfte. Soldaten schaffen nicht, sie verzehren nur <und> zerstören. Vor der Hand sind sie leider notwendig, <und> in dem Mittelzustande, in welchem wir leben, ka_n noch Niemand recht an fruchtbare Arbeit denken. Die ko_menden bösen Jahre müssen überstanden werden – ein Gleichgewicht wird <und> muß sich wieder herstellen. – Was macht Dein schönes Gedicht? Bist Du fertig? Du schreibst kein Wort. – Nach Gratz wag’ ich mich nicht, bei der Kälte. Ich werde meinen Besuch wohl bis Frühjahr verschieben. – Unser alter Castelli ist in Weitra bei seiner Schwester <und> geht später nach Lilienfeld zurück, ohne Wien zu berühren, wohin er erst nächsten Spätherbst zurück kehren will. – Dessauer grüßt u. wird Dir nächstens schreiben. – Deine Biographie soll ich auf’s Neue für Pfautsch überarbeiten. Auch will er die meinige – aber ich hab’ keine. Sehr lieb wäre mir’s, we_n Du Dein Versprechen gelegentlich löstest <und> die Märzgeschichten – blos für mich – aufschreibest. Mir ist’s wie im Traum, obwol ich mit gehandelt. – Die schönsten Grüße <und> Wünsche an deine Frau <und> an Dich!

<Dein>
Bauernfeld.

 
     
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