Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 24. November 1848
 
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[Poststempel "Wien 24. Nov:"]
Se.
Herrn Anton Alexander Grafen
v. Auersperg
Thurn am Hart
in Krain.
über Landstraß.

 
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Wien 24. Novemb. 1848.

Lieber Freund!

Vermutlich hast Du mir geschrieben – aber die Post geht theils unrichtig, theils gar nicht. Jetzt dürfte die Ordn<ung> wiederkehren. – Ich hatte bis zum halben October in Wien ausgehalten, ohne die Beweg<ung> begreifen zu kö_nen, in die wir geschläudert werden; da_n ging ich nach Brü_n und kam erst am 6. Novemb. zurück. – Hast Du jemals etwas Unfähigeres gesehen als die Minister, die zum Theil unsere Freunde sind? Doch ja! Das Volk in seiner Unreife hält ihnen das Gleichgewicht. Die Phase ist vorüber – Gott gebe, daß eine bessere ko_me! Aber noch ist wenig Aussicht. – Meine Krankheit hatte mich zur Unthätigkeit verurtheilt u. ich bin jetzt froh darüber. Wie ich Dir vollko_men recht gab,

 
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daß Du Dich von der Politik zurück zogst, so bin ich fest entschlossen, Deinem Beispiele zu folgen. Hätte man nur den Mut u. das Herz, sich in Kunst u. Literatur zu vertiefen! Aber es scheint fast, die Barbarei nahe heran, u. so findet man weder die Lust zu schreiben, noch ka_n man auf ein Publikum hoffen. Vor der Journalistik hab’ ich den größten Ekel, den Du gewiß theilst. – Meiner Meinung nach ka_n nur eine durchaus ehrliche und verständige Regierung halten, durch einen großen Staatsma_n repräsentirt – aber wo ist der zu finden? Die Massenbewegungen i_mer hervor zu rufen ohne sie lenken zu kö_nen, ist das Gefährlichste, wie uns der deutsche

 
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Bauernkrieg längst hätte belehren sollen. Von Frankfurt hoff’ ich mir wenig oder nichts. Österreich ist noch zu retten, we_n die ungarische Sache befriedigend ausgeht. – Sage mir, wie Du darüber denkst, vor Allem, wie es Dir geht u deiner lieben Frau. – Wa_n ko_mst Du auf längere Zeit nach Gratz? Vielleicht besuch’ ich Dich dort, besonders we_n Dessauer (der sich noch in Ischl aufhält) mich begleitet. – Das neue Ministerium – welches wenigstens organisierende Talente enthält – ist durch die Wahl Smolka’s gleich anfangs in Verlegenheit gesetzt. Schuselka sprach ich noch vor seiner Abreise – er ist der unverbesserlichste Optimist. – Doblhoff hat die alte Neulinger geheirathet.

Lebe wohl!

<Dein>
Bauernfeld.

Adresse: Mölkerhof,
1. Hof, 3. Stiege, 3. Stock
bei Hofrath Beyer.

 
     
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