Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 4. Mai 1847
 
  Seite 1
 

[Poststempel "Wien 5. Mai:"]
Se.
Hrrn. Anton Alexander Grafen
v. Auersperg
Hochgebo<ren>
Thurn am Hart
in Krain.
über Landstrass.

 
  Seite 2
 

Lieber Freund!

Deinen Brouillon hab’ ich bereits nach bestem Wissen u. Gewissen verarbeitet, u. dabei so viel wie möglich auf die Censur Rücksicht geno_men. Es bleibt i_mer mißlich, über einen Lebenden zu schreiben, we_n dieser obendrein unser Freund ist; im Zweifel, ob ich auch den rechten u. discreten Ton getroffen, will ich die Skitze einstweilen Doblhoff mittheilen, dir selbst aber etwa [?] eine Abschrift senden. – Du versprichst, am 13. oder 14 nach Gratz und am 17. oder 18. nach Wien zu ko_men. Nun ist hier ein Englänger, ein Mr. Bo_ner, mit welchem Du einmal in Correspondenz gestanden; er ist eben damit beschäftigt, den "letzten Ritter" zu übersetzen, u. möchte gerne deine Ankunft in Wien abwarten; dabei ist seine Abreise nach Regensburg unaufschiebbar für den 19. festgesetzt. Schreibe mir daher nach deiner Welt-beka_nten Genauigkeit und Verläßlichkeit (die auch in der biographischen Skitze

 
  Seite 3
 

gehörig prangen soll), an welchem Tage Du ganz besti_mt in Graz eintreffen wirst; vielleicht macht Mr. Bo_ner einen Abstecher dahin. Kämst Du aber etwa schon am 16. oder 17. nach Wien, so ka_n er Dich mit Beruhigung hier erwarten, was er vermutlich vorziehen würde. Ich selbst (vermutlich auch Freund Dittmer) würde dich da_n nach Gratz zurück geleiten; nur wär’ es mir lieb, we_n Du deinem Aufenthalt hier ein paar Tage zugäbst, da ich mich vor dem 20. oder 21. schwer los machen ka_n – doch das wird sich finden! – Mit den Preußen bin ich zufrieden; sie greifen wacker zu – nur scheinen sich bereits Spaltungen zu ergeben, u. die liberale Parthei einen [durchgestriche: spe] seperaten Coup de main ausführen zu wollen, was deutsch u. unpraktisch wäre. – Hier ist der letzte populäre Ma_n gestorben u. gestern über dem Do_ner des Hi_mels u. der kk. Kanonen begraben worden. Er hatte sich übrigens längst "überlebt" u. war nichts

 
  Seite 4
 

weiter als der ehrenvollste Privatma_n; darum läßt man ihm auch alle Gerechtigkeit widerfahren, ohne gerade über seinen Verlust zu trauern. – Sonst ist hier nichts Neues als die Gründ<ung> einer Suppen-Anstalt [?] und das noch i_mer verschobene Trauerspiel von Hermannsthal, welches vermutlich morgen vom Stapel laufen wird. – Die Schwaben kü_mern [ergänzt: sich jetzt] sehr um Niembsch. Der alte Schwab hat seinem Sohne Uhlands Besorgnisse mitgetheilt und seine Bitte [durchgestrichen: unleserlich] an Dich, Dich um N. anzunehmen, we_n er, was vermuthlich mit Nächstem geschieht) in Wien angeko_men seyn wird. Vielleicht findest Du ihn bereits bei Görzen, wo er gewiß gut aufgehoben ist, u. worüber Du da_n die Stuttgarter beruhigen ka_nst.

Die schönsten Grüße an Frau Marie. Lebe wohl, und schreibe bald

Deinem
Bauernfeld.

Wien 4/5 47.

 
     
  Zurück zu Bauernfeld Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten