Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 11. November 1846
 
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[Poststempel "Wien 11. Nov."]
Se
Herrn A. Alexander Grafen
v. Auersperg
Hochgebor<en>
Thurn am Hart.
über Laibach
u. Landstraß.

 
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Lieber Freund!

We_n ich mich durch Kämpfe mit der Censur und Zänkereien mit den Schauspielern – den gewöhnlichen Vorläufern meiner Stücke – bisher abhalten ließ, deinen Brief zu beantworten, so ist das um so mehr gefehlt, weil es auch galt, mich über mein Einmischen in deine Verhältnisse zu entschuldigen. Ich möchte Dich lieber in Wien als in Gratz ansäßig wissen – das ist natürlich; ich halte die Gratzer für eine Gattung Philister – das ist wahr; drum gö_n’ ich Dich ihnen nicht – das ist das Ganze. Zürne mir also nicht, und rutsche bisweilen nach Wien, so sind alle Parteien zur Not befriedigt. Über Lenau’s Zustand muß ich leider denken wie Du, <und> auf Dr. Zeller’s Weisheit [?] bau’ ich wenig. Es war

 
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statt dessen die Rede, den Kranken nach Wien zu bringen – ich weiß nicht, ob das nützen würde. Keinesfalls möcht’ ich den Eindruck, den der Besuch bei Niembsch auf mich machte, wiederholen, noch Dir dazu rathen. Wir finden einen Körper u. keinen Geist – das ist zu traurig! – Auf "Nithart" freu’ ich mich sehr. Die Poësie droht aus der Welt zu verschwinden, wenigstens für einige Zeit. Fühlst Du es in Dir, uns schöne Träume vorzaubern zu kö_nen, so thu’s und thu’ es bald, denn die eherne Zeit bricht bald herein. Was mich betrifft, so verleg’ ich mich auf Schwänke. Mein neues Lustspiel verpottet zum Theil das öster. Administrationswesen; die Censur sagte mir: bei einer meiner Figuren kö_ne man an den Fürsten M. denken; wir sollten das bei bei der Aufführung ja nicht zu deutlich machen – ist das nicht naiv? – Neueste Wiener Anekdote: Hofrath Roußeau (der Convertit aus Berlin) schickte mir das Abo_nenten-Verzeichniß seiner "Muttergottesrosen". Höchste Personen, Excellenzen, Künstler, Literaten (leider auch Grillparzer!) standen darauf. Ich lehnte höflich ab, mit der

 
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Versicherung, daß ich ganz fro_m sei, aber nicht in dieser Form. We_n sich die Menschen doch endlich diese verwünschte Heuchelei abgewöhnten! – Hab’ ich Dir nicht von Laube’s "Karlsschülern" geschrieben? Das Stück wird – gegen meine Erwartung – in Dresden, München u. Berlin zur Aufführung ko_men. – Kueffner ist gestorben. Frau v. Pinzer (Ernst Ritter) ist hier; ich bin heute auf Sie und Ihn [?] geladen. – We_n Du unter deinen Büchern besondere mittelalterliche Curiositäten, Memoiren udergl. besitzen solltest, so bringe mir Einiges mit. Berlichingen, Schweinichen, Sickingen hab’ ich bereits. Das [unleserlich] hat begonnen u. freut sich, Dich als Gast zu sehen. Lies Schuselka’s deutsche Volkspolitik. Er sagt in dem Vorwort, daß er seit 1843 fünfzehn politische <und> zahlreiche Zeitungsartikel habe drucken lassen. Ein Faulpelz wie ich muß den Ma_n bewundern. Die schönsten Empfehlungen an die Frau! Doblhoff grüßt. Leb’ wohl

<Dein>
Bauernfeld.

Wien 11/11 46.

 
     
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