Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 15. Oktober 1846
 
  Seite 1
 

[Poststempel "Wien 16. Oct."]
Se
Herrn Anton Alex. Grafen v. Auersperg
Hochgebor<en>
Thurn an hart.
über Laibach
u. Landstraß.

 
  Seite 2
 

Lieber Freund!

Es gilt für unartig, we_n Einer die visite de digestion so lange hinaus schiebt – u. eine solche war ich ja meinen beiden edlen Gastwirthen schuldig. Es geht nur eben mit dem Briefschreiben wie mit dem Visiten-machen – man verschiebt’s – und vernachlässigt die besten Freunde – wenigstens ich. – Die Gebirgsreise, das reine nichts thun und von nichts hören haben mich sehr erfrischt; ich merkte das erst recht in Wien – nur währte es nicht lange genug, u. die alte Unbehaglichkeit stellte sich mit den alten Zuständen wieder ein. Ihr seid doch recht zu beneiden, die Ihr in Freiheit und auf dem Lande lebt! Den Sauerteig der Städte, den wir als tägliche Nahrung verspeisen, nehmt Ihr nur jezuweilen [?] in kleinen Portionen ein, um in mäßige Gährung zu gerathen. Bei uns gährt’s i_mer – ko_mt aber nichts heraus dabei. –

 
  Seite 3
 

Ist’s de_n wirklich, daß Du ein Haus in Gratz kaufen oder bauen willst? Das thäte mir leid – de_n da_n wärst Du für Wien verloren und Wien für Dich. So sehr ich begreife, daß Einer auf eigenem Grund u. Boden auf dem Lande sitzen mag, so wenig gefällt mir eine Provinzialstadt, die mit ihren Gesellschaften, Theatern, Casino’s, ja sogar mit ihren Lokalblättern den Kern der Hauptstadt aufgeno_men zu haben meint, sich zuletzt selbstgefällig und stolz überhebt, u. doch i_mer nur ein bornierter parvenu bleibt. Wien mit allen seinen Fehlern u. Schwächen bleibt immer noch ein besseres Element für einen Dichter (de_n das bist Du zu allererst, u. darfst es über den Ökonomen u. Landstand nicht vergessen!) als la ville des Grâces. Ein paar Wintermonate alljährlich hier zugebracht, wäre vielleicht auch Frau Marie nicht unangenehm – wie? – Vergib, daß ich mich in derlei Haupt- und Staats-Actionen einmische, und schreib’s vor Allem dem Wunsche zu, Dich u. deine liebenswürdige Gatti_n öfter und länger hier zu sehen. Sag’ ihr, daß ich nach u. nach auch etwas liebenswürdiger werden ka_n; bei Euch war ich leider ausnehmend langweilig – das kam von dem allzu kurzen Aufenthalt. – Hast du in den Grenzboten die

 
  Seite 4
 

Artikel über Dich und Lenau gelesen? Sie sind warm u. i_nig geschrieben. Der Verfasser (ein Jude, aber ehrlich u. wahr, leider taub) steht auf dem Punkte auszuwandern. – Laube hat neuer [?] Weise ein Drama eingesendet: "Die Karlsschüler," dessen Held kein Geringerer als Schiller und der Stoff seine Flucht aus Stuttgart ist. Seine Freund ko_men mit ihren Spitznahmen: Schweitzer, Roller, Spiegelberg usw. vor. Schiller liest auf der Bühne Schubart’s "Fürstengruft" vor; der Herzog überrascht ihn, u. er muß das Gedicht in seiner Gegenwart zu Ende lesen – zuletzt soll er wegen der Räuber auf den Asperg – der Gedanke ist glücklich: den Lieblingsdichter der deutschen Nation darzustellen, dessen Genie die Staatsmacht im Vorhinein erdrücken u. vernichten will – aber wo ist die Bühne, die das aufführen wird? Obwohl kaum zu besorgen ist, daß die Deutschen jemals eine Revolution machen werden – nicht eimal vom Ofentor aus. – Dem Palatin geht es schlecht; er hat (sit venia verbo) das miserere. – Was macht der "Pfaff?" Ich bin höchst begierig auf ihn. Bring’ wenigstens mit, was fertig ist. Verlaß Dich d’rauf, daß ich gegen Jederma_n schweige. – Hast Du die Geschichte vom Grafen Tige gehört? Er wurde vor wenig Tagen feierlich und infam kassirt. Das Ding macht Aufsehen. – Meine zwei neuen kleinen Stücke werden Ende November in Scene gesehen. Den "Raubritter" lass’ ich liegen, u. will mich mit dir darüber berathen. – Von Niembsch nichts Gutes. Hat Zeller geschrieben?

Mich Frau Marien schönstens empfehlend

<Dein>
Bauernfeld.

Wien 15. Oct. 1846.

 
     
  Zurück zu Bauernfeld Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten