Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 20. November 1844
 
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[Poststempel "Wien 24. Nov."]
Se.
des Herrn Alexander Grafen v.
Auersperg

Hochgebor<en>
in
Thurn am Hart
in Krain
über Landstraß.

 
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Lieber Freund!

Nach Bauma_n’s Berichten hatt’ ich Dich noch im Lauf October erwartet, sonst hätt’ ich Dir wohl aus freien Stücken über Niembsch geschrieben. Er war im September noch hier, u. heiterer als je; ganz entzückt über die nahe Heirath. Aus Stuttgart schrieb er noch selbst, daß er einen schiefen Mund beko_men habe – von einer Art Nervenschlag. Wir hielten das für eine hypochondrische Übertreibung – bald darauf kam die Nachricht seines ersten Anfalls von Tobsucht. Er ist jetzt im Ganzen ruhiger – die Anfälle seltener u. schwächer – sein Arzt, der sehr geschickt seyn soll, hat Hoffn<ung>, ihn zu heilen. Seine Braut, die nach Moritz Schwind’s Bericht ein äußerst liebenswürdiges Frauenzi_mer ist, befindet sich dermahlen [?] in Stuttgart, darf ihn aber nicht [unleserlich] Das Übel scheint mir keinen eigentlich psychischen Grund zu haben. Niembsch hat unnatürlich gelebt, seit Jahren auf seine Nerven los gestürmt, vielleicht auch in seine Art

 
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Poësie sich zu sehr vergraben – die Natur rächt sich am Ende. Ob er gänzlich geheilt wird, ob im besten Fall die Eri_nerung an das überstandene Übel nicht zu einem neuen Übel für ihn werden wird – wer ka_n’s wissen? Eh’ er geistig abstirbt, mag er lieber körperlich scheiden. Sollt’ ich etwas wichtiges Neues über ihn erfahren, so schreib’ ich Dir’s augenblicklich; übrigens hat eine derlei [?] Krankheit gewöhnlich nur einen allmählichen Verlauf. – Das U. [unleserlich] [durchgestrichen: unleserlich] in Wien wäre, hab’ ich nicht verno_men. Gleichviel übrigens, wer den anonymen Brief geschrieben! Es gibt genug Tröpfe in Deutschland, u. hier fangen sie auch schon an, aufzuschließen. – Dem Witthauer, wie seiner Zeitung, geht’s nicht zum Besten; die letztere hat er Hoffnung, zu verkaufen, was vielleicht das Klügste ist, de_n zum Redakteur ist er einmahl verdorben. – Also erst nach Neujahr ko_mst du? Da mußt Du aber wenigstens ein neues Epos, oder eine ständische [unleserlich]schrift, oder Beides mitbringen. – A propos! Unter den Freunden ist hier

 
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der Improvisator Prof. Wolff, der sich Dir unbeka_nter Weise empfiehlt. Er behauptet, der Herzog deines Gedichts sei nicht von Merseburg, sondern von Wissefeld [?]. Er hat einen Kaufma_n, der eine riesige Baßgeige verfertigte, deren Bogen mittelst Räder gelenkt wurde, zum geheimen Rath gemacht. – Was mich betrifft, so lass’ ich im December ein Drama aufführen, dessen Held eine Art Jean de Werth ist, <und> dessen Inhalt: wie die Deutschen so du_m waren, sich den Elsaß wegnehmen zu lassen. Mein Held erobert [durchgestrichen: unleserlich] eine Festung nach der andern – zum 2ten Aktschluß ko_mt der westfälische Frieden, der status quo wird proklamirt, mein guter Tropf muß alles Eroberte wieder hergeben, u. sein Fürst (Joh. Georg I. v. Sachsen, ein braver Ma_n) muß ihm fast den Prozeß machen lassen. Darauf gibt er Deutschland u. sein Heldenthum auf, u. heirathet eine hübsche französische Partheigängeri_n, die er früher erschießen lassen wollen. – Das ist in Kürze der hübsche, patriotische Stoff mit verschiedenen diplomatischen u. anderen Schwänken verbrämt. – Laß bald wieder von Dir hören.

<Dein>
Bauernfeld.

Wien 20/11 44.

 
     
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