Beilage zum Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Ohne Ort, ohne Datum 1844

 
  Seite 1
 

An H. Heine.

"Der Heine ist so lüderlich,
Der Heine ist so toll –
Sein Buch ist schlechter Verse,
Und schlechter Gedanken voll.

"Er schimpft über Alles, was heilig ist,
Stürzt Geister, die ewig galten;
Er spöttelt selbst über Jesu Christ:
Das ist nicht auszuhalten.

"Wo ist der Dichter – ich find’ ihn nicht –
Der aus den Reisebildern?
Ach, in dem gottlosen Paris
Da mußt’ er ja verwildern!

"Mit Schmerzen wenden wir uns von ihm,
Den wir einst thaten lieben;
Zum Glück ist Herr von Prokesch uns,
Der neue Petrarka geblieben." –

 
  Seite 2
 

So sprachen die Philister zu mir,
So hört’ ich’s, lieber Heine;
So klagte das deutsche Central-Organ,
Die Augsburger Allgemeine.

Da ward ich traurig und dachte mir,
Du sei’st doch wohl gealtert –
Dick bist Du auch – und habest Dich
Ausgesungen und ausgepsaltert.

Schon war verleidet mir Dein Buch,
Nach Prokesch zog’s mich auch nicht;
Doch läg’ ich ohne Lectüre im Bett?
Es ist einmahl mein Brauch nicht.

So mußt’ ich mich zuletzt drum doch
Entschließen, Dich zu lesen –
Und hohl’ der Teufel Dein du_mes Buch!
Bin die ganze Nacht wach gewesen.

 
  Seite 3
 

Ob Du der alte Heine bist?
Ich wüßt’ es nicht zu entscheiden;
Doch sicher ist’s: Du bist i_mer neu –
Das mag ich eben leiden.

Die Thräne rollt Dir noch vom Aug!
Als wie in früheren Zeiten;
Du hast die alte Grazie,
Und Kraft und Lust zum Streiten.

Und wenn Du über Deutschland schimpfst,
So ko_mt’s Dir aus dem Herzen;
Ach, was wir lieben, das macht uns ja
Die ungeheuersten Schmerzen.

D’rum eben – ich begreif’ es nicht,
Was Dich die Philister so meistern!
Lebte noch der alte Hofrath von Genz,
Du würdest ihn wieder begeistern.

 
  Seite 4
 

Und gefällst Du mir und dem Hofrath von Genz,
So hast Du genug gefallen;
Ein Dritter findet sich auch wohl ein –
Wer frägt zuletzt nach Allen!

Drum Vivat Heine-Aladin
Mit seiner Wunderlampe!
Die "neuen Gedichte" drei Mahl hoch!
Und Ein Mahl auch der Campe!

Ja, "es ist dieselbe Leier, die einst
"Dein Vater ließ ertönen,
"Der selige Herr Aristophanes,
"Der Liebling der Camönen!"

Bauernfeld.

 
     
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