Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 20. August 1843
 
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[Poststempel "Wien 21. Aug:"]
Dem Hochgeboren
Herrn Alexander Grafen
v. Auersperg
Thurm am Hart
[unleserlich] Laibach
[unleserlich] Landstraß

 
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Lieber Freund!

Es mögen wohl an zwei Monathe her seyn, daß ich deinen letzten ausführlichen Brief mit einem eben so ausführlichen – obwohl etwas larmoyanten – erwiedert habe, den ich durch Braumüller abgehen ließ. Dein langes Schweigen läßt mich fast vermuthen, daß Du ihn nicht erhalten hast. Es wäre mir sehr unlieb, we_n er in unrechte Hände gerathen wäre; beruhige mich daher über diesen Umstand. – Die "Nibelungen im Frack" sind hier angeko_men; ich habe sie gesehen, aber noch nicht gelesen. Dem Publikum, so weit ich verno_men, wollen die Verse

 
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nicht recht zu Gehör, was ich Dir, glaub’ ich, voraus gesagt. Dieser u. Jener fragte mich auch, was Du mit dem Gedichte gemeint. Die Leute [?] sind [unleserlich]. Man soll noch immer was Anderes meinen, als im Text steht. – Grillparzer geht nach Constantinopel. Deinhardstein war in [unleserlich]. Niembsch gesteht, daß er sich dieß Mahl in Stuttgart amüzirt habe. Er schreibt vor der Hand nichts. Die Literatur ist allenthalben todt. Selbst die Franzosen bringen kein neues [unleserlich] zu Tage. Ko_mt es nur mir so vor, oder ist die Welt wirklich schaler u. flacher, als sie jemals war? Und doch keimt u. gährt etwas Neues im Leben, im Staat, u. die Literatur wird zuletzt

 
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auch nicht leer ausgehen. Indessen beschäftige ich mich mit meinem Boz, was keine kleine Arbeit ist. –

Ich bin inzwischen – Lotto-Direktions-Conzipist geworden. Eine saubere Beförderung, nicht wahr?

In Erwart<ung> deiner Antwort

<Dein>
Bauernfeld.

Wien 20/8 43.

 
     
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