Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 8. Juni 1843
 
  Seite 1
 

Lieber Freund!

Ich schäme mich, daß ich deine freundlichen Zeilen so spät erwiedere, u. we_n ich den gewöhnlichen Entschuldigungs-Grund der Leute – Mangel an Zeit – anführe, so ist viel Wahrheit darin, we_n gleich eben so viel Pedantismus. Fragst Du mich, was mich de_n so angelegentlich beschäftige, so will ich Dir mit einiger Beschämung vertrauen, was in der Folge doch leider offenbar werden muß. Ich bin ein Übersetzer worden. Ein hiesiger Buchhändler hat mir angetragen, den ganzen Boz zu übersetzen, zu dem ich auch eine kritische Einleitung schreiben will. In besseren Stunden seh’ ich die Arbeit humoristisch u. als Übung im Englischen an, wofür man mich obend’rein bezahlt – für’s Gewöhnliche stim_t [?] sie mich ziemlich herunter [?]. Du wirst mir zutrauen, daß ich so wenig um’s Geld schreiben will, als Du, u. daß ich, bei meinem geringfügigen Talent, von der Literatur eine große Mein<ung> habe. Aber setze dich für einen Augenblick in meine Lage. Bis in mein 42tes Jahr hab’ ich mich – und zum Theil auch die Meinigen – nur durch Schreiben erhalten. Zum Glück wurde mir das jenige bezahlt, was ich gerne <und> mit

 
  Seite 2
 

Tüchtigkeit that; de_n ich ka_n mich in der Hauptsache nach Anderer Forderung nicht bequemen, u. ich wollte lieber erhungern, als in ein Wiener-Journal schreiben, oder auch in die allgemeine Zeit<ung>. Allein die Bühne [?] ist jetzt herunter [?] geko_men; meine i_neren [?] Bedürfnisse haben sich gesteigert, vielleicht hat sich auch die bequeme Leichtigkeit des Talents mit den Jahren verloren – genug, ich bin gezwungen zu übersetzen. Daß mich das versti_mt, wirst Du begreiflich finden, obwohl sich meine Haupt-Anschauung des Lebens nicht verändern würde, we_n ich auch Millionen besäße. Soviel hievon Ein für alle Mahl. –

– Die mäßige Warnung an den König von Preußen ka_n ich nur billigen. Wie haben sich die Zeiten geändert seit den Gedichten des Grenadiers. Poëten, geborene Lobspender seit Horaz, müßten jetzt das Richter-Amt über die Gekrönten übernehmen! – Ich freue mich, das Gedicht im Ganzen u. gedruckt zu lesen. Unsere Gedichte abzudrucken rath’[?] ich zwar vor der Hand nicht. Später wollen wir sehen; vielleicht machen wir neue dazu. – Mein Roman ist nur ein fro_mer Wunsch; ko_m ich aber je dazu, so müßt’ ich ihn aus der Gegenwart schöpfen, de_n nur die modernsten Zustände, selbst Co_munismus u. was damit verbunden ist, kö_nten den Stoff dazugeben. – Von Niembsch hör’ ich nichts. Sein Gedicht an den Erzherzog Carl ist schwach, u. war – unter uns gesagt – eine kleine Bêtise. [unleserlich] hat es schlecht deklamirt, u. das Publikum hat es nicht gut befunden. Zedlitz’s Waldfräulein liegt vor mir. So viel ich bis jetzt davon [?] abnehmen kö_nen:

 
  Seite 3
 

alte Elemente, mühsam zusa_men gereimt. – We_n Du Dich amüsiren willst, so lies V. Itago’s [?] Storygraves [?]. Eigentlich eine große Idee: er faßt die alten Ritter im Verhältniß zu dem Kaiser wie die alten Hi_mel stürmenden Titanen auf – aber das Dings ist so barok ausgeführt, daß man notwendig drüber lachen muß. Ponsard’s Lucretia beko_m’ ich erst. Es ist vermuthlich [2 Wörter unleserlich]. Im Deutschen erscheint durchaus gar nichts. Die Kunst als solche scheint überhaupt in dieser Zeit der Runkelrüben-Frage ein böhmisches Dorf geworden. Gleich viel, we_n nur später etwas heraus ko_mt. Irland u. Ungarn sind jetzt wichtige Punkte [?], fast die einzigen, de_n in Spanien ko_mt es zu keinem [durchgestrichen: unleserlich]état, die Franzosen ko_men mit ihrem Co_munismus nicht vom Fleck, u. die Deutschen schauen bei Allem zu, wie die Schafe. –

Für den Beitrag zum Album dank’ ich schönstens. Dein etwas wunderliches "Hausglück" send’ ich an Herrn Laube, da Dr. Budaeus längst abgereist ist. – Der arme Hermansthal will sich also eine Hütte bauen? Muß der Unglückliche auch noch geheirathet haben! Solche Zerrissenen mit Halb-Talent wandern leider schockweise auf der Welt herum, u. vermehren das Unbehagen. Die Kräftigeren von ihnen werden Spitzbuben u. Zeitungs-Redakteure; die Besseren

 
  Seite 4
 

u. Schwächeren gehen wirklich [?] zu Grunde. We_n irgend eine Aristokratie nötig ist, so braucht sie – mit Verlaub der Herrn [?] Ruge <und> Consorten – die Literatur. Mit Göthe hat jedes vereinzelte [?] Talent die letzte Stütze verloren – der Skepticismus läßt Niemand mehr gelten. So ko_mt es mir wenigstens vor. Mit großem Gequassel tritt ein anderes Talent auf – wie Herwegh – um im Nu zu zerflattern. – Vergib diesen fragmentarischen Brief; ich ko_me wahrhaftig nicht dazu, meine Gedanken recht zu sa_meln. Antworte mir bald; ich denke, Du hast Zeit, u. die Lust wird sich finden. Ob ich nach Gratz ko_men werde, weiß ich noch nicht. Meine Anstell<ung> ist im Zuge, u. ich möchte ihr nicht grundlos aus dem Wege gehen.

Lebe wohl, u. verarge meine Eingangs-Confessions nicht

Deinem
Bauernfeld.

Wien 8/6 43.

Witthauers Blätter folgen auf Verlangen mit.

 
     
  Zurück zu Bauernfeld Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten