Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 15. April 1843
 
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[Poststempel "Wien 15. Apr:"]
Se.
des Herrn Alexander Grafen von
Auersperg

Hochgeb<oren>
Thurm-am-Hart
Landstraß ü Laibach

 
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Lieber Freund!

Ich fühle mich beschämt, daß ich Dir so lange nicht geantwortet, <und> ka_n mich nur damit entschuldigen, daß ich mir eine Arbeit auf den Hals geladen, die mich zwingt, täglich eine Anzahl Bogen vollzuschreiben. Indessen ist dein Gedicht abgedruckt worden, an welchem ich, Deinem Wunsche gemäß, meine Recensur hätte üben sollen. Du hattest dabei vergessen, daß ich halb u. halb Mit-Schuldiger bin, da dein Gedicht durch das meinige veranlaßt worden. Ich gab es Witthauern, der davon ganz entzückt war, u. so kam es unter den Zensur- und Preß-Bengel. Dem Wiener-Publikum fiel an unsern beiderseitigen [unleserlich] der letzte allzu lange Vers auf; eben so der, bisweilen

 
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etwas hart u. dunkel klingende Ausdruck. Du magst daraus abnehmen, daß die "Nibelungen im Frack" einige Zeit brauchen werden, hier durch zu dringen. A propos! Vergiß nicht, die [unleserlich] auf den K. v. Preußen zu limitiren, wo möglich, einige [unleserlich] zuzusetzen. Denke Dir, daß dieser Ma_n, welcher die Journalistik verfolgt, und den schändlichen Brief an W. Alexis schrieb, jetzt täglich besoffen ist. Der K. von [unleserlich] soll ihm, gelegentlich der letzten literarischen Ereignisse, gesagt haben: "Das ko_mt heraus, we_n man mit dem Liberalismus kokettirt." – 800 Berliner-Bürger haben ihre Einladungskarte auf das Hoffest zurück gesendet. Die Wiener-Bürger benehmen sich anders bei der hiesigen Berliner-Quadrille. Vielleicht läßt sich von diesen Dingen etwas ins Nibel<ungen>-Metrum bringen. Dingelstedt’s [unleserlich] kränkt ihn in Wirklichkeit. Noch wunderlicher ist es, daß zu einem langweiligen Concert, welches am Ostermontag zu Ehren des E. H. Karl statt findet, Niembsch einen Prolog gemacht, welchen Anschütz sprechen wird. Ich zweifle nicht, daß der Prolog geistreich sei, aber die Sache bleibt doch i_mer bedenklich. Dingelstedt ist nach Stuttgart; Niembsch geht nach dem Prolog gleichfalls dahin. – Das Neueste ist eine Zusa_menkunft, die ich gestern, vorläufig mit Grillparzer u. Halm, gehalten, um ein [unleserlich] sämtlicher dramatischer Schriftsteller

 
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zu besprechen, worin sie den deutschen Bund um ein Gesetz bitten, daß auch gedruckte Stücke von den Theatern zu honoriren seien. – Eine zweite Neuigkeit ist ein Album zu des Kaisers Geburtstag (empfiehlt sich, für einen wohlthätigen Zweck!), worin man paar [?] der besseren Schriftsteller versa_melt hätte. Vor der Hand haben sie den unausweichlichen Joha_n Gabriel, Kueffner u. Castelli. Der erste Redacteur kam auch zu mir – ich wich aus. Der zweite kam, u. erklärte, Halm habe meinen Beitritt zur Bedingung des seinigen gemacht. Nun ward ich toll, u. versicherte, ich werde beitreten, sobald unsere Zensur an Liberalität wenigstens der preußischen gleich käme. Eine ähnliche Erklärung gab auch [?] Ha_mer. Die Leute werden doch nach u. nach [2 Wörter unleserlich] –

Mit Nächstem heirathet meine kleine Freundi_n Helene, die Du, glaub’ ich, ke_nst. Sie ist eben so hübsch als geistreich. Ich habe ihr ein Album geschenkt. We_n Du mir in deinem nächsten Brief ein Blättchen mit ein paar Versen für sie beilegst, so wirst Du mich sehr verbinden. Von Dr. Budäus soll ich Dich an den versprochenen Beitrag für Laube eri_nern. – Das Theater hab’ ich so gut wie aufgegeben, u. gehe mit dem Gedanken um, einen satirischen Roman zu schreiben, der theils in einer österr. Prov. Hauptstadt, theils in der Residenz spielen soll. Der Held ist ein junger Provinzler, voll Idealismus, der i_mer das Beste und Edelste will, u. durch einen realistischen u. ironischen Begleiter [unleserlich] in die Opposition getrieben wird, zuletzt aber darüber erschrickt, u. sich ins Privat-Leben zurück zieht. Vaterländische Narrheiten u. Bestialitäten, mit gutem Humor dargestellt, sollen den Rahmen des Gemäldes bilden etc. Was hältst Du von dem Einfall?

In der Hoffnung, daß Du mich mit einer Antwort erfreuen wirst [?]

<Dein>
Bauernfeld.

Wien 15/4 43.

 
  Seite 4, an den linken unteren Rand geschrieben  
  [unleserlich] Empfehlungen an deine Gemahli_n.  
     
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