Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 20. Februar 1843
 
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An einen Dichter, meinen Freund.

O Du Beneidenswerther, in ländlich reizender Stille
Sein eigen Feld bebauend, Du wahrer beatus ille!
Du bist ein Freund – in Leben und Poësie – von Rosen,
Und lassest sie als Kränze um Dein’ und unsere Stirne kosen.

Dein Vers ist, was er sollte bei allen Dichtern seyn:
Ein duftiger Blumen-Büschel, Gewebe zart und fein,
Ein Klingen und ein Singen aus i_nerstem Herzenstrieb,
Drum waren Deine Lieder von jeher uns so werth, so lieb.

Und gibst Du nur Dich selber, und was Du hast und bist,
So wisse, daß uns eben die Gabe die liebste ist;
Poëten waren nicht i_mer von flüchtigem Gelichter,
Und ist der Mensch ein ganzer, so gibt’s auch einen ganzen Dichter.

Wie sich das kleine Vöglein beim regen duckt hinterm Zaune,
So sitzt die heutige Muse, versteckt, voll übler Laune,
Und brütet über Dingen, die nicht poëtisch sind,
Und hegt und pflegt ein todtes, undichterisch-politisch Kind.

 
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Die Dichter machen Verse, doch Lust- und Leben-lose,
Zwar glatte, aber kalte; die Meisten schreiben in Prose;
Und was sie singen, es lebte nicht früher im Gemüthe,
D’rum ist nicht frische Blume ihr Lied, nur kranke Treibhaus-Blüthe.

Deß Busen nicht von großen Gedanken mag entbre_nen,
Der soll sich fürder wahrlich nicht einen Dichter nennen;
Auch war’s von je, ich weiß es, der echten Dichter Art
Zu schöpfen aus der neuen und jung-lebend’gen Gegenwart.

Doch wer die Zeit erfaßte, der muß sich erst befreien
Von ihren Alltags-Schlacken, vom Rufe der Partheien;
Die dichterische Wahrheit, die ewige, ni_mer alte,
Sie liegt im Menschen-Geiste, und nicht in einer Zeitungsspalte.

Wohl Mancher mag in Prose ein tüchtiger Kämpfer seyn,
Doch klingt der Mode-Schlachtruf in Versen gar nicht fein;
Der Dichter ist kein Plänkler, der den einzeln Feind erschießt,
Ein Feldherr ist’s, der im Busen des Feldzugs großen Plans verfließt.

 
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Was wär’ das für ein Feldherr, der so mit Einem Mahle
Das große Geheimnis kundgäb’ jedwedem Korporale?
Der Troß steht in den Reihen, der Dichter sitzt auf dem Thron;
Der Dichter ist kein Gewinner, der Dichter ist ein Napoleon.

Ob der und jener falle, den Führer mag’s nicht kü_mern,
Noch will er, Einem zu Liebe, den großen Plan zertrü_mern;
An Menschen fehlt es niemals, die bauen oder streiten,
Doch Bauherr oder Feldherr – sein Geist muß über der Masse schreiten.

Und vollends nun ein Dichter! Was helfen dem die Andern?
Er muß in Waldesdunkel, und still und einsam wandern;
Das wollen selbst die Besten, die’s gut und ehrlich meinen,
Die Besten nicht begreifen: der Dichter will für Euch nur scheinen.

Er schafft ein Werk, ein ganzes, voll holder Phantasien,
Erlebt, durchdacht, empfunden: Euch soll’s die Brust durchziehen,
Und Euch an Alles mahnen, an Alles und an Nichts;
Nicht eine Lamp’ anzünden: es sei ein Strahl des ewigen Lichts.

 
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Nicht wackere Gesi_nung, noch modernes Element
Genügt für einen Dichter; der Dichter braucht – Talent;
Nicht in Journal-Artikeln läßt sich Genie erlernen,
In Blumen bricht’s aus der Erde, und leuchtet droben bei den Sternen.

Heil Dir, mein Freund, mein Dichter, daß dir der Hi_mel gegeben
Die reizend-süßeste Gabe: den Dichterblick im Leben;
Und laß die Leute nur schelten, und laß sie schütteln die Ohren,
Und denke Dir: „Wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Recht verloren.“

Drum leb’ im Waldes-Dunkel, still und zurück gezogen,
Im Arme der Geliebten, und schwinge den Dichter-Bogen;
Und schieße goldene Pfeile in unser Herz hinein,
Ein Labsal uns, die täglich nur lesen vom Gewerb-Verein.

Leb’ wohl, Beneidenswerther, in ländlich reizender Ruh’
Dein eigen Feld bebauend, ein wahrer beatus Du!
Und laß sie draußen nur kritteln, und laß sie draußen tosen:
Du schmücke Dein Haupt und unsres mit frischen und poëtischen Rosen.

Bauernfeld.

Wien 20. Februar 1843.

 
     
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