Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 20. September 1838
 
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[Poststempel "Wien 20. Sep:"]
Sr. Hochgeboren
Herrn Anton Alexander Grafen
von Auersperg

in
Thurn am Hart
:(über Cilli):

 
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Lieber Freund!

Lange vor deinem Brief an Adolph hatte ich im Sinne, Dir zu schreiben oder wohl gar ein Gedicht auf Dich zu machen – Du erräthst wohl nicht, in welcher Art! – Indessen kam dein Brief an Adolph, aus welchem ich deine gereizte Sti_mung ersah. Ich wollte Dir sogleich schreiben, Dir abrathen – bedingt aber, daß Du so weise bist als ich, <und> daß Du den rechten Entschluß nachgerade von selbst fassen wirst. Wo willst Du hin? Die Deutschen sind überall du_m, sie mögen aus der Donau, dem Rhein oder der Elbe trinken; in Frankreich oder England dürfte es dir auf die Länge am wenigsten zusagen. Was willst Du übrigens klagen? Du bist Herr und unabhängig auf Deinen Gütern, ka_nst ein Weib nehmen, we_n Du willst, denken <und> schreiben, was Dir einfällt, <und> über den ganzen politischen und Gesellschafts-Unsinn als Philosoph lachen. Die paar Quängeleien werden Dich doch nicht gar so verdrießlich

 
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machen: Da ist Niembsch gelassener, der Dich herzlich grüßt, und Dir sagen läßt, er werde eben wieder zu Protokoll vernommen, <und> habe Teufelsnoth, sich als Ungar zu behaupten, da man ihn durchaus als Österreicher behandeln will.

"O Glück sonder Gleichen, ein Öst<erreicher> zu seyn" – – Es sieht’s aber nicht Jeder ein.

Ich war fast den ganzen So_mer in Baden – bei Wien, und beschäftigte mich mit Nichtsthun - <und> andern Thorheiten, die zum Theil noch fortdauern. – Das arme alte Haus wohnte neben mir und lag durch 5 Wochen an der Gicht. – Niembsch war in Stuttgart, später in Ischl – wo er – Löwenthal <und> Frau fand, bei denen er hier in Wien wohnt. – Uhland hab’ ich einmal gesprochen, und ihn so langweilig gefunden, wie ihn hier tout le monde findet. – Kölle lernte ich leider wegen meines Landaufenthalts nicht kennen. Rotteck kü_merte mich nicht. – Grillparzer verzweifelte diesen So_mer in Dornbach, welches er aber noch stets als den herrlichsten

 
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Landsitz preist. – Von Literatur weiß ich nichts, als daß mir Niembsch erzählte, er habe einen ganzen Band neuer Lyrica gemacht. – Ich selbst that nichts, als daß ich ein altes Stück von Beaumont <und> Fletcher, "the little french lawyer" auf meine Manier bearbeitete. –

Das Angenehmste Neue ist, daß Schober seine Herrschaft günstig verkauf hat und in Wien bleibt; das Komischste: daß der Bub endlich seine Unschuld verloren hat an eine Erzkokotte, <und>, ich glaube mit ihr, in Ober-Österreich herum zieht. –

Adolph sah ich selten; er schwankt in seinem Umgang zwischen Franzosen und Juden, die mir beide gleich fatal sind.

Sage, was Du schreibst. Was macht der Mönch? – Darf man fragen, ob sich der Heirathsplan ganz zerschlagen? Ich sehe nicht, was Dich eigentlich quält – ich ka_n aber Niemand trösten, da ich im Grunde der Desperation nahe bin.

Anbei die verlangte Copie. Lebe wohl, liebster Freund, und antworte bald

<Deinem>
Bauernfeld

Wien <den> 20. September 1838.

 
     
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