Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 18. Dezember 1837
 
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À Monsieur
Monsieur le comte Alexandre d’Auersperg
à
Paris
Mess. Gillet Will et Comp.
:(Chaussée d’Antin):
1 f. 50. port
à reclamer

 
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Lieber Freund!

Damit Dich mein Brief noch in Paris treffe, schreib’ ich Dir sogleich nach Empfang deiner Zeilen, die mich sehr erfreuten, und die ich leider, Ihrem reichen Inhalt gemäß, nicht erwiedern ka_n. Sei damit zufrieden, in dem Pariser-Lärmen die Sti_me eines Landsma_ns tönen zu hören, vielmehr eines Freunds, de_n Landsleute findest Du auch dort. Fahre fort, die Empfindungen unbefangen auf Dich wirken zu lassen; Du wirst sie dereinst vortrefflich zur Poësie verarbeiten kö_nen. Neues ist hier nichts als die Ankündigung von Groß-Hoffingers Zeitschrift "der Adler", worin er verspricht, "die zeugende Kraft im Vaterland" erhöhen zu helfen! – Grillparzer hat ein Lustspiel geschrieben, wie er es ne_nt, was zwar keines ist, wohl aber ein geistreiches, interessantes Stück, voll psychologischer <und> moralischer Grübeleien. Französisches Vaudeville haben wir hier auch, zwar nicht von erster Qualität, aber i_mer interessant genug für uns Deutsche. Den gamin spielen sie übrigens im Ganzen nur mittelmäßig. Man erlaubt ihnen Stücke wie Moirand et Compt., worin eine Frau zwei Männer hat, während I_merma_ns neues Trauerspiel "Die Opfer des Schweigens" verbothen wurde. Ein Stück Eisenbahn von Floridsdorf bis Ungarn haben wir auch, <und> sind schon einmal stecken geblieben.

 
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Bei Deiner Sache mit Braunthal war ich anfangs mit dem Abdruck der Briefe (besonders des mit der Geldgeschichte) nicht einverstanden; der Kerl ist übrigens so niederträchtig, daß man sich das Mitleid mit ihm ersparen muß, bis er ins Narrenhaus wandert. – Von Deiner Intrigue ko_ntest Du i_merhin sagen, ob sie verliebter Natur war.

Deine Aufträge werde ich sogleich <und> pünktlich befolgen. Es wäre artig von Dir, we_n Du uns einiges Neueste der französ. <und> engl. Literatur mitbrächtest. Lies in [unleserlich], we_n Du Zeit findest, Riche et pauvre von Em. Souvestre, ein Buch von einem edlen, aber rigorosen Geist, mit deutschen Anklängen; lies aber nicht die "Krieger" <und>"Bürger" von Laube. Savonarola hat mir im Grunde durchaus mißfallen, die Virtuosität abgerechnet; den Freunden geht es beiläufig auch so. Niembsch scheint darüber böse, <und> ist aufgebracht, daß man ihn hin <und> wieder einen Pietisten ne_nt (eigentlich Mystiker); Du lieber Gott! seine Richtung ist einmal danach, <und> ich ka_n mich poëtischer Weise in diese idealische Schwärmerei so wenig finden als in den politischen Radikalismus <und> die formlose Lüderlichkeit der Andern. Überhaupt hätten wir jetzt Ideen genug von allen Sorten; we_n wir den 100tn. Theil davon praktisch verarbeiten :(worin uns die Franzosen vor sind):, so schaffen wir schon eine neue Literatur.

 
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Der Antrag des Herrn Dr. Savoie [?] läßt sich sehr bedenken. Nur wünschte ich, daß er mir aufs Genaueste detaillire, was er von mir verlangt. Vermuthlich ein Bild des geselligen <und> literarischen Zustandes in Östreich, worin sich der politische von selbst abspiegeln würde. Ich würde mit ein paar allgemeinen <und> größeren Artikeln begi_nen, <und> in der Folge i_mer das Neueste in einzelnen Berichten nachliefern. Da ich über mich selbst nicht schreiben ka_n, so lieferte vielleicht Feuchtersleben oder Du bei besonderer Gelegenheit ein kleines Referat. Für jeden Fall müßten die Nahmen bei unseren Verhältnissen geheim bleiben. We_n mich daher Herr Dr. S. durch eine Zuschrift erfreuen will, so kann es am füglichsten durch Eskeles geschehen. Börne’s üble Laune <und> politische Richtung war, bei außerordentlichen Gaben des Ma_nes, für ein Unternehmen nicht geeignet, welches, wie ich es mir denke, weniger auf Kritik als auf unbefangene Darstellung gerichtet, <und> nicht zerstörend <und> aufwiegend, sondern belebend <und> verführend seyn müßte.

Nun lebe wohl <und> genieße, während wir entbehren, <und> schreibe bald aus der Welt- und Nobel[?]stadt

Deinem
Bauernfeld

Wien <den> 18. Decemb. 1837.

 
     
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