Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Baaden, am 19. Juli 1837
 
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[Poststempel "Baaden"]
Dem Hochgeb<oren>
Herrn Alexander Grafen v. Auersperg
in
Thurnamhart
in Krain.
über Cilli.

 
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Werther Freund!

Eine sonderbare Angelegenheit gibt mir die Feder in die Hand. Tiedge wird dir nämlich mit Nächstem einen jungen Ma_n von 21 Jahren empfehlen, der die traurigsten i_neren <und> äußeren Schicksale erlitt, welcher Dichter, halb erblindet <und> gegenwärtig in Wien ist. Er hat seine früheren Sachen alle verbra_nt, recitirte mir aber aus der Eri_nerung Gedichte, voll wahrer Gluth <und> warmer Empfindung. Er war früher Hauslehrer <und> hatte in solchem Stand weder Zeit, noch Lust, die Ideen auszuführen, die sich ihm aufdrängten. So verläßt er mit Einem Mal sein Geschäft, <und> faßt den raschen Entschluß, sich wenigstens durch ein Jahr in irgend eine Einsamkeit zurück zu ziehen, <und> sich zu prüfen, ob er im Stande sei, einen seiner größeren Plane auszuführen. Da er arm ist, sucht er einen Gönner, der ihm Unterkunft gebe. Anfangs geht er nach Berlin, wo ihn Chamisso, Steffens u.A. unterstützen; da_n nach Dresden. Tiedge gibt ihm 50 Thaler u. schickt ihn nach

 
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Wien, <und> weist ihn vor allem – an Dich. Er machte dem jungen Ma_n Hoffnung, Du würdest ihn auf deinem Gut aufnehmen <und> Unterkunft geben. In diesem Si_n will auch Tiedge an Dich schreiben. Der Zögling, Nahmens Wilhelm Sohring, aus Königsberg, ist schüchtern <und> bescheiden, scheint sehr gutmüthiger Natur, <und> ist ganz nach Innen gewendet; dabei sieht er äußerlich eben [?] nicht vorteilhaft aus, besonders wegen seiner Augen. Glaubst Du ein solches Individuum beherbergen zu können, so laß es uns bald wissen; wo nicht, so weise ihm hier einen beliebigen Unterstützungsbeitrag an, da wir eine Sa_mlung für ihn veranstaltet haben. Antworte mir, wie gewöhnlich, nach Wien, obwohl ich in Baden bei Doblhoff wohne.

Bei diesem Anlaß werden wir hoffentlich auch etwas von Dir,

 
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deinem Thun <und> Treiben erfahren, indem bereits alle Freunde begierig auf Nachrichten warten. – Niembsch ist in Stuttgart; Schober auf seiner Herrschaft Chorherrn. Manfred-Draexler :(gegenwärtig auf Reisen): <und> Groß-Hoffinger soll hier Bewilligung zur Redaction neuer Zeitschriften erhalten haben. Sonst weiß ich nichts Neues. Lebe wohl!

Bauernfeld

<den> 19. Juli 1837.

 
     
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