Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 10. Jänner 1837
 
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[Poststempel "Wien"]
Dem
Hochgeb<oren> Herrn Alexander Grafen
v. Auersperg
in
Thurmamhart
über Cilli.

 
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Lieber Freund!

Du bist allzu gütig, meinen letzten Wisch, Zettel, fetzen einen Brief zu ne_nen. Ich will aber, da Du schon den ganzen Winter weg bleibst, manchmal so ein Ding schreiben, was einem Brief gleichen soll; Du mußt übrigens antworten. Daß Dir die ruhige Einsamkeit, auch ohne zu dichten, gefällt, finde ich ganz begreiflich; nur muß ich bitten, daß die Natur im Winter nicht immer [unleserlich] ist. Gibt es was Herrlicheres <und> Lebendigeres als blauen Hi_mel, So_nenschein, reine, kräftigende Luft <und> die blendenden Schneefelder, wie ich das Alles erst vor wenig Tagen in der Nähe des Kahlenbergs zu sehen, zu schmecken u. zu fühlen bekam? Bei Euch muß das noch weit schöner seyn! – Nun haben wir noch einen andern Land- <und> Kraut-Junker hier, den Hermansthal. Wir saßen gestern Abends von 9 bis 12 Uhr mit ihm bei der Stadt Frankfurt und nippten [unleserlich ] u. Champagner: Altes Haus, Lenau, Bub, Herzfeld (der Morgen heirathet.) Herm. gefällt sich sehr – in Amant [?] wie er versichert. Marie wird in einer Stunde (jetzt ist es 10 Uhr) Gräfi_n M. Um 12 Uhr ist Dejeuner (wozu ich geladen bin, aber nicht gehe)

 
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Um 1 Uhr Abreise; Nachtlager in Wolkersdorf. Sie hat den Franz gern, ohne ihn zu lieben, u. sie ist 24 Jahre alt. Ich sagte ihr gestern, sie könne heute noch "nein" sagen. Sie grüßt dich. Schober ist seit Weihnacht in Pesth. Herz fand nur Eine passende Uhr, die 54 fl. CM. kostet. Du sollst ihm mit nächstem Posttag schreiben, auf wie viel Du dich einlassest. Meine kleine Reiseschuld entricht’ ich, we_n Du wieder ko_mst. Die Wirthshaus-Abende gehen gänzlich ein. Schober ist weg, Doblhof hat den Staatsdienst verlassen, u. ist nach London gegangen. Nun bleibt noch das alte Haus und Schwarz – da bleib’ ich lieber aus. Den Brief an Herloßsohn hab’ ich durch Braumüller bestellt. Von Schwab ist kein Brief da. Niembsch hat Dir bereits geschrieben. – Hier ist nichts Neues als der "Humorist", über den selbst die Du_men schimpfen. Halm hat ein sehr albernes Stück geschrieben, "der Adept", was die Leute langweilt. Die Blätter sagten, es sei ein Meisterwerk. Nun laufen sie wieder

 
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hinein. I_merma_n hat mir um Manuscripte geschrieben, was mich freute. Ich konnte mich nicht enthalten, ihm in der Antwort eine Art kurzer [?] Kritik über die "Epigonen" zu schreiben. Grillparzer fährt fort, Epigra_me zu machen, zB. auf einen Homöopathen (beiläufig)

S’il faut choisir un medecin
Je ne prendrai que vous –
Car vous tenez à presque rien,
Et moi à rien de tout.

Der Schluß eines Ep. auf Zedlitz:
Nur gedeckt die volle Tafel,
Sei’s im Fürsten-Mäcklersaal [?]!
Sei’s Christinos [?], sei’s [unleserlich]:
Wer traktirt, ist liberal.

So hab’ ich mir’s beiläufig gemerkt. Er geht noch immer mit Eseln um: Hörl, Herzenskron, Stubenrauch etc. Antworte bald und hübsch.

Dein
Bauernfeld

Wien <den> 10. Jä_ner 1837.

 
     
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