Brief von Eduard von Bauernfeld an Anastasius Grün
Wien, am 17. Oktober 1836
 
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[Poststempel "Wien"]
Se
des Herrn Grafen Anton Alex.
Auersperg

Hochgeboren
in
Thurnamhart.
über Cilly.

 
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Lieber Freund!

Ich habe mich in Wien noch nicht eingewohnt, u. finde es noch weit e_nuyanter als vor der Reise. Ich denke, daß die dicke Luft der Bestialtität, der man durch einige Zeit entwohnt war, Einen anfangs betäubt, bis man sich wieder daran gewöhnt. Für jeden Fall bist Du um deine Einsamkeit, besonders bei dem herrlichen So_nenschein, zu beneiden. Schreibe, wie Dir dabei ums Herz ist. – – Die Büsten von Göthe u. Schiller sind jeden Augenblick zu haben; eine dritte gute ist schwer zu finden. Ich kenne nur Beethoven u. Canossa [?], deren Beziehung zu dir mir nicht nahe genug scheint; einen Shakespeare gibt es leider nicht. – Merk auf, nun ko_mt eine Neuigkeit, we_n Du sie nicht schon weißt: Marie Stucki [?] ist Braut – mit Franz Montecuccoli, der in Merano war. Er macht ihr schon seit Jahren den Hof[durchgestrichen: f], u. die spröde kleine Schönheit, durch die Bemühungen dieser Jahre, vielleicht noch mehr durch die eigene [unleserlich] erweicht, gab endlich nach. Da wären wir in Mitterau in ein schönes Geschick gerathen! – Niembsch ist fortwährend in Penzing, <und> fängt mit Leidenschaft den ganzen Tag Meisen [?], statt zu dichten.

 
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A. Herz soupirt täglich bei Henikstein – wieder eine neue Manie, die hoffentlich auch nicht dauern wird. Der liebenswürdige Pufferl wurde vorgestern von einem Jäger im Prater erschossen. Abgesehen von den Beziehungen u. Eri_nerungen, die sich für unsern Freund an das artige Thierchen knüpften, ist Schade um den possirlichen Charakter. Deinhardstein ist, wie ich [ergänzt: für] ganz besti_mt erfahren, adelich geworden. Er kann doch den Pufferl nicht ersetzen. Holtei ist in Dresden, wo er bald nach unserem Abzuge ankam. Mit dem armen Hönig [Henikstein] steht es sehr schlimm. Lies: "aus den Papieren eines reisenden Schneidergesellen" von Gaudy, ein Büchlein voll echten gesunden Humors. E. Scävola [?] war 3 Tage hier, besuchte aber nur Sapphir <und> Frau v. Pichler. Unserm lieben Freund Frank wollte ich unser Leipziger Diner bezahlen, was er durchaus nicht annahm. Ich schlug ihm vor, seine Rückkunft :(er ist gestern nach Dalmatien): durch ein Diner zu feiern. – Die Sachen von G. F. Rank [Frank] sind besser als ich dachte, u. werden in gewissen Kreisen großes Ärgerniß verursachen. Der "lit. Salon", den ich bereits verkauft habe, ist von der Censur auch für den Druck verbothen. Was sagst Du? Da ich von allen Dingen an Geld am wenigsten Überfluß habe, so

 
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ka_n ich die Sache schon deßhalb nicht ruhig hingehen lassen. Das alte Haus scheint sehr in floribus. Kaltenbaeck ist dafür wie aus der Welt verschwunden. – Von Weigl bin ich beauftragt, dir zu sagen: Er wohnt im selben Haus, wie früher, aber auf besserer Stiege <und> im ersten Stock, u. hat 2 Zi_mer sa_mt Bedientenstube zu vermiethen, die er Dir um 200 fl. CM. jährlich ablassen will.

Über Feuchtersleben bin ich erstaunt. Er füllt fast allein seit Monaten K’s Lit. Blatt mit göthisch-milden Aufsätzen. Ich bewundere seine doppelte Geduld für das Blatt u. für die Sache, die er Humanität ne_nt. Glaubst du an die Humanität? Ich nicht. In mir gähren wunderliche Dinge, u. ich bin einmal fest entschlossen, nicht länger das Maul zu halten. Man foppt sich nur selber, we_n man schweigt. –

Grillparzer sah ich gar nicht. Er sitzt mit Stubenrauch im Bierhaus zum Blumenstöckel, u. frißt sich im Stillen das Herz ab. – Ich aber sage Dir: Heirathe, regiere Deine Unterthanen mild, u. laß Deine Kinder als gesunde Naturmenschen aufwachsen.

"Ein lebhafter Eindruck ist wie eine andere Wunde; man fühlt sie nicht, indem man sie empfängt. Erst später fängt sie an zu schmerzen <und> zu eitern." Wanderjahre Dieß in Bezieh<ung> auf unsere holde Reisegefährti_n, mit der ich noch in Wien zusa_men war, u. nach deren Umgang <und> Persönlichkeit ich mich wahrhaft zurück sehne. Lebe wohl u. antworte bald

Deinem Freunde
Bauernfeld.

Wien <den> 17. October 1836.

 
     
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